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Junge Frauen, die Sexfilme drehen

Hot Girls Wanted - aus dem "Regie Labor" des theaters kohlenpott

Regisseur Sefa Küskü mit seinen Darstellerinnen. © Thomas Schmidt, Stadt Herne. Regisseur Sefa Küskü mit seinen Darstellerinnen. © Thomas Schmidt, Stadt Herne.

Fünf junge Frauen öffnen nach ihrer Vorstellung lasziv den Reißverschluss ihrer weißen Kapuzenjacken. Darunter kommt schwarze Spitze zum Vorschein. Sie heißen Mia, Lucy oder Vicky und sind Pornodarstellerinen. Damit beginnt “Hot Girls Wanted”, ein Stück über Frauen, die Pornos drehen.

Experimentieren unter Druck

  • Regisseur Sefa Küskü mit seinen Darstellerinnen. © Thomas Schmidt, Stadt Herne.

Sie sagen: “Wir machen Sex vor laufender Kamera. Das ist wichtig. Die Kamera ist wichtig. Ja, es macht Spaß.” Der 19-jährige Regisseur und die jugendlichen Darstellerinnen wagen sich an ein Thema, über das zumeist unter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Sefa Küskü, bekannt als Schauspieler aus anderen kohlenpott-Produktionen (“Leider Deutsch”), übernimmt zum ersten Mal die Regie, weshalb seine Schöpfung auch unter der Marke “Regie Labor” beim Theater kohlenpott figuriert. “Hot Girls Wanted” feiert Premiere am Freitag, 26. August, um 19 Uhr in den Flottmann-Hallen. Zwei weitere Aufführungen sind für den 27. und 28. August jeweils um 18 angesetzt. Mehr nicht, sagt kohlenpott-Chefin Gabriele Kloke: “Da es ein Labor ist, ist das Experimentieren unter Druck erlaubt.” Falls der Versuch misslingt, bleibt es bei drei Aufführungen. Kloke fügt an: “Aber danach sieht es nicht aus.”

Grundlage ist eine Netflix-Doku

  • Girls Most Wanted – Sefa Küskü und Malina Hoffmann. © Thomas Schmidt, Stadt Herne.

Sefa Küskü kann auf langjährige Bühnenerfahrung beim “theater kohlenpott”, beim Theatercamp “Pottfiction” oder beim “Jungen Pottporus” zurück blicken. Vor einiger Zeit sah er die Netflix-Dokumentation “Hot Girls Wanted” über junge Pornodarstellerinnen. Daraus müsste man ein Theaterstück machen, überlegte er. Und dann wusste er: Er selbst würde das Stück umsetzen. “Manche Rollen sind zu 100 Prozent aus der Doku”, sagt Küskü, “darunter einige Biografien, die ich teilweise miteinander verschmolzen habe. Aber manche sind auch erdacht.” Die Dokumentation schildere zwar US-Verhältnisse, aber Küskü ist sich sicher: “Es gibt bestimmt Parallelen in Deutschland.”

Hot Girls Wanted. theater kohlenpott. Text und Regie: Sefa Küskü / Asisstenz: Chiara Pennisi / Choreographie: Diana Richter / Kostüme: Zoe Drückler. Es spielen Lilli Gehrke, Marisa-Giulia Gervasi, Malina Hoffmann, Jasmin Keller und Lea Terhaag.

Premiere: 26.8.2016, 19 Uhr, Flottmann-Hallen. Weitere Vorstellungen: 27.8. und August. Eintritt: 6,00 Euro, erm. 4,00 Euro. info@theaterkohlenpott.de, Tel. 0 23 23 / 162 95 61 oder 0162 286 90 37.

Wir reagiert das ältere Publikum

Die fünf Rollen spielen junge Frauen, die sich ebenfalls in der kohlenpott-Aura tummeln, übrigens allesamt Studentinnen, die ganz entspannt mit dem Tabu-Thema “Pornos” umgehen. Als Vertreterinnen einer jungen Generation, die mit der allgemeinen Verfügbarkeit von Sexfilmen aufgewachsen ist, während die Älteren sich in ihrer Jugend verschämt VHS-Kassetten in Pornoläden ausleihen musste. Deshalb sind sie gespannt, wie das Publikum reagieren wird: “Meine Eltern werden sich das Stück ansehen, sie werden ihre Freunde mitbringen”, sagt Malina Hoffmann. “Manche davon finden es schon komisch, dass darüber öffentlich geredet wird.”

Aufzeigen, nicht werten

“Und genau dafür ist Theater da”, unterstreicht Gabriele Kloke. Es greift Themen auf, die tabuisiert sind. “Die Pornoindustrie ist ein Riesenvermarktungsbetrieb”, so Kloke, “mit Schauspielern, Kameramännern, einer Marketingabteilung und allem, was dazu gehört.” Auf der anderen Seite sind Millionen von Porno-Nutzern. Die Internet-Suchanfragen aus diesem Metier übertreffen die anderer Portale bei weitem. “Wenn man das Stück sieht, ist man aufgeklärt”, meinen die Darstellerinnen, “aber nicht im pädagogischen Sinne”. Denn den Zeigefinger wollen sie nicht erheben. Girls Most Wanted will nur aufzeigen, nicht werten. “Am Anfang wollte ich Nacktheit zeigen”, sagt Küskü, “ich glaube, alle hätten mitgemacht. Aber nachdem wir darüber diskutiert haben, war uns klar: Das brauchen wir nicht.” Da sollten die Zuschauer darauf vertrauen, dass das Kopfkino angeht. So geht es in 70 Minuten in einer Mischung aus Sprech- und Tanztheater um Freiheit und Selbstbestimmung, um Abhängigkeit, Geld und Ruhm.

Nächstes Jahr zum Vorsprechen

Die fünf Protagonistinnen lieben die Bühne, zeigen aber wenig Ambitionen, den Beruf der Schauspielerin zu ergreifen.  “Allerdings ist ihr Theaterinteresse mehr als ein Hobby, viel zielgerichteter”, so Kloke. Nur einer will mehr, Sefa Küskü, der Regisseur des Stückes. “Anfang nächsten Jahres mache ich mich auf die Reisen, um in vielen Theatern vorzusprechen”, gibt er sein Ziel vor.

Text: Horst Martens