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Musik zwischen Artefakten

Kultur/Gastronomie

Engagierte Bürger eröffneten vor anderthalb Jahren die Kulturbrauerei im ehemaligen Sud- und Treberhaus. Was ist ist aus dem ambitionierten Projekt geworden? Eine Bilanz

  • Martin Kortmann, ©Klas Libuda

Angefangen hat alles beim Spazierengehen: Immer wenn Eva und Martin Kortmann an der alten Brauerei vorbeikamen, störte sie etwas. Und sie kamen oft vorbei. Die Kortmanns wohnen nebenan, jeden Tag sahen sie die denkmalgeschützten Gemäuer im Herzen Eickels, dieses Wahrzeichen im Dornröschenschlaf. „Es konnte einfach nicht wahr sein, dass dieses tolle Gebäude leer steht“, erinnert sich Eva Kortmann. So kam das mit der Kulturbrauerei.

Acht Eickeler mit einer Mission

Die Idee fand ihre Anhänger: Anfang 2012 gründeten acht Gleichgesinnte den Verein „Kulturbrauerei Eickel“, acht Eickeler mit einer Mission: Leben in die Bude bringen. „Wir hatten in jedem Stadtteil Anlaufstellen“, sagt Martin Kortmann – Leuchttürme wie die Zeche Unser Fritz oder die Flottmannhallen. „Nur in Eickel gab es nichts.“ Im September vor zwei Jahren sollte sich das ändern. Feierlich eröffnete das neue Zentrum für ihren Stadtteil. Den Namen wählten sie geschichtsbewusst: Kulturbrauerei Hülsmann.

1692 soll am heutigen Eickeler Markt das erste Bier gebraut worden sein, seit 1852 machten die Eheleute Luise und Heinrich Hülsmann das gleichnamige Pils zu ihrer Marke. Bis zu 50 000 Flaschen konnten zu Spitzenzeiten pro Tag abgefüllt werden, zuweilen ging das gut, 1989 aber musste die Produktion endgültig stillgelegt werden.

Bands treten zwischen Artefakten auf

Seit anderthalb Jahren spielen nun Bands im weitläufigen Saal im ersten Stock, letztens gab es einen Trödelmarkt, auch die Bezirksverwaltung tagt hier. Die Brauerei-Rohre, die sich ungeachtet ihren Weg durch das alte Sud- und Treberhaus bahnen, geben dem neuen Veranstaltungsort einen besonderen Charakter. Alte Fässer und Stühle mit Hülsmann-Logo zeugen von den alten Zeiten. Martin Kortmann ist stolz auf die Artefakte. Er war dabei, als bei Hülsmann die letzten Kästen Bier für fünf Mark verkauft wurden, und er erzählt gerne davon. Ein Nostalgiker aber ist Kortmann nicht. Das ist ein Missverständnis.

Martin Kortmann ist der erste Vorsitzende des Kulturbrauerei-Vereins, er ist auf das Hier und Jetzt bedacht, auf das, was seine Mitstreiter und er bisher geleistet haben, und noch leisten wollen. Gut 50 Mitglieder hat der Verein mittlerweile, die meisten kommen aus Eickel, das Vorhaben wird durch die Stadt und die Herner Kulturinitiative gefördert. Auch ein Steuerberater und ein Bestatter aus der Umgebung geben, was sie geben können. „Wir haben hier offene Türen eingerannt“, sagt Martin Kortmann.

„Das Wort zum Montag“ – so heißt eine neue Serie von neuen Veranstaltungen in der Kulturbrauerei Hülsmann. Im Mittelpunkt steht „Wort-Kunst“, also Künstler, die durch Wortbeiträge ihr Publikum zum Lachen oder Weinen oder zumindest zum Nachdenken bringen. Der Titel deutet, an welchem Tag der Woche die Rhethorik-Artisten auftreten: immer sonntags. Und immer um 19 Uhr und (fast immer) für 10 Euro. Karten im Vorverkauf gibt es ausschließlich im Hülsmann – täglich ab 18 Uhr. Telefon: 0 23 25 – 3 72 57 75.

Das Wort zum Montag – Programm

13. April: Ulli Engelbrecht: Mehr als nur ein dummes rundes Ding. Die Rockstory-Retro-Lese-Show

11. Mai: Horst Fyrguth: Ein Waldorf-Macho packt aus. Männer sind die besseren Mütter.

15. Juni: Torsten Sträter: Selbstbeherrschung umständehalber abzugeben.

14. September: Martin Fromme. Besser Arb ab als arm dran

12. Oktober: Der unglaubliche Heinz: Klassik meets Comedy

9. November: Moses W. Er – Sie – Es

14. Dezember: Heitere Lesung: Traditionell zum 3. Advent. Eintritt frei!

Leerstände bespielen – für eine Nacht

Gemeinsam haben sie den einstigen Bürgersaal neu gestaltet, der Künstler Peter Grzan hat viel Farbe an die Wand gebracht. „Vorher sah der Raum wie ein Kreißsaal aus“, sagt Kortmann. Die Kulturbrauerei soll ein Projekt mit Strahlkraft werden. „Das hier ist der Ankerpunkt“, sagt er, „die Idee ist es aber, den ganzen Stadtteil mit einzubeziehen.“ Vorstellen könnte man sich etwa auch, in Zukunft weitere Leerstände in Eickel zu bespielen. Temporär. Für einen Tag oder eine Nacht.

Mehr als 70 Veranstaltungen haben der Verein sowie Wirt Sabedin Houssein Oglou, der im Erdgeschoss das neue Café Hülsmann betreibt, im letzten Jahr auf die Beine gestellt, mal in Eigenregie, immer wieder aber auch in Kooperation. Stets unter dem gemeinsamen Label – die Leute sollen später in die Welt tragen, sie waren bei Hülsmann, und da war‘s gut.

Ein Höhepunkt war zweifelsohne das Konzert im letzten Herbst, der Pianist Brian Auger trat gemeinsam mit dem ehemaligen Santana-Sänger Alex Ligertwood auf. Der Saal war ausverkauft, der Andrang riesig. Als alles vorbei war, verabschiedete man die Musiker ins Hotel. „Dann gingen wir runter in die Gastronomie, und plötzlich standen sie wieder da“, erzählt Martin Kortmann. „Wir haben dann einfach weitergefeiert.“ Die alte Brauerei hatte ihre Anziehungskraft unter Beweis gestellt. Tief in der Nacht gingen die Kortmanns zufrieden nach Hause.

 Öffnungszeiten

Das Café Hülsmann ist dienstags bis sonntags ab 18 Uhr geöffnet. Der Bürgersaal der Kulturbrauerei öffnet zu den jeweiligen Veranstaltungen. Infos: www.kulturbrauerei-huelsmann.de. Interessenten können sich per E-Mail melden: info@kulturbrauerei-huelsmann.de

Text: Klas Libuda

Fotos: Klas Libuda, Stadt Herne, Kulturbrauerei