„Profifußball-nur bei einem radikalen Neuanfang“

25. April 2024 | Ausgabe 2024/2

inherne-Gespräch über den Amateur-Fußballsport in Herne. Rückgang im Jugendbereich und im Ehrenamt

Quo vadis, Fußball in Herne? Die Zahl der Jugendmannschaften geht zurück, ebenso die der freiwilligen Helfer*innen. Das (fehlende) Geld ist immer ein Thema, ebenso die Sportplatzsituation. Gründe genug für die inherne-Redaktion, sich mit drei ausgewiesenen Experten der heimischen Fußballszene zu unterhalten: Dirk Bosel (Präsident des SC Constantin), Torsten Biermann (Fußballchef im DSC Wanne-Eickel) und Andreas Meise, langjähriger Trainer des SV Holsterhausen.Dort, beim SVH an der Wiesenstraße, fand das Treffen auch statt. Aus gutem Grund: Der Club feiert zurzeit sein 100-jähriges Bestehen.

Wie sehen Sie für Ihren Verein die Sportplatzsituation?
Dirk Bosel (DB): Für uns natürlich bescheiden! Wir sind ein Aschenplatzverein und bleiben es auch. Da hilft uns auch die große Unterstützung durch die Stadt nicht. Wir können aber immer wieder Spieler überzeugen, auf rotem Kunstrasen zu kicken, da der SC Constantin mit dem gesamten Drumherum überzeugt.

Torsten Biermann (TB): Wir haben sicher die schönste Anlage in der gesamten Stadt. Mondpalast-Arena, Nebenplatz, die Anlagen im FunPark, das ist richtig schnuckelig, und da sind wir als DSC stolz drauf. Allein unser Stadion mit Platz für 13.500 Besucher*innen ist einzigartig für eine Stadt, in der es keinen Profifußball gibt. Noch in diesem Jahr wollen wir dort mit Mitteln aus dem Programm „Moderne Sportstätten“ ein neues Vereinsheim bauen.

Andreas Meise (AM): Der von uns selbst initiierte und auch mitfinanzierte Kunstrasen hat uns natürlich geholfen. Dadurch gab es schon einen enormen Zulauf von Kindern und Jugendlichen. Das I-Tüpfelchen wäre es, wenn wir noch einen kleinen, zweiten Platz bauen dürften, um mehr Trainingszeiten anbieten zu können. Das Gelände dafür ist da.

Wie entwickeln sich bei Ihnen die Mitglieder- und Mannschaftszahlen?

TB: Gut, wir liegen zurzeit bei ca. 440 und stellen 17 Mannschaften.
DB: Bei uns auch, ca. 250 bei zwei Mannschaften und einer Altherren-Spielgemeinschaft.
AM: Zwei Seniorenteam, eine Altherren-Mannschaft und eine große Jugendabteilung, summasumarum ca. 350 Mitglieder.

Sind heute Kinder und Jugendliche noch für Fußball zu faszinieren?

DB: Ohne Kunstrasen keine Jugendarbeit. Obwohl das mehr an den Eltern liegt, die kannst du mit einem Aschenplatz nicht mehr begeistern.
AM: Jugendliche spielen einfach immer weniger Fußball. In Herne spielen doch kaum noch eine A- oder B-Jugend. Diese Krise hat die Pandemie noch beschleunigt.
TB: … und das Freizeitverhalten insgesamt. Viele haben keinen Antrieb mehr, bei Wind und Wetter einen Outdoor-Sport zu betreiben.

Thema Ehrenamt! Gibt es da auch Lücken?

DB: Nein, da kann ich mich nicht beklagen. Wir haben in diesem Bereich auch viele Jüngere, die engagiert sind und Verantwortung übernehmen. Sie sind auch untereinander gut vernetzt.
TB: Wir wollen uns nicht beklagen, aber es könnten deutlich mehr sein. Auch bei den Übungsleitern. Aber das Freizeitverhalten hat sich in den letzten zehn Jahren nicht nur bei den Jugendlichen geändert, sondern auch bei den Erwachsenen. Du kannst heute am Wochenende rund um die Uhr Sport im TV gucken. Da ist es schwieriger geworden, Frauen oder Männer dazu zu bewegen, bei Wind und Regen sich selbst im Sport zu engagieren.
AM:  Man muss die Leute anderes ansprechen und ihnen klar machen, dass in einem Verein alles den Bach `runtergeht, wenn nicht jeder mit anpackt. Vieles hängt von persönlichen Freundschaften ab, durch die man eher ehrenamtliche Hilfe einfordern kann. Und da rede ich zum Beispiel über den Platzkassierer und den Mann oder die Frau am Grill … Da muss man schon mal ein wenig schubsen.
TB: Absolut. Bei der Organisation eines Spieltages wird die Luft schon dünn. Urlaub, Krankheit – da hängst du schnell in der Luft. Temporär bei einem Hallen- oder Jugendturnier ist es einfacher, aber auf Dauer… schwierig!

Kenner der lokalen Fußballszene: Andreas Meise, Dirk Bosel und Torsten Biermann (von links).

Wie ist Ihre finanzielle Situation?

DB: Wir finanzieren uns hauptsächlich über Mitgliedsbeiträge, Eintrittsgelder und Einnahmen an Spieltagen.
TB: Das wird aber immer schwieriger. Du musst heute zum Beispiel jede noch so kleine Tombola während eines Spieltages bei der Stadt anmelden. Wir leben von Beiträgen, Eintritten und dem Verkauf.
AM: Wir schöpfen alle Möglichkeiten aus, an Geld zu kommen.

Bleiben wir beim leidigen Thema Geld. Gibt es in unserer Stadt noch Firmen oder Privatperson, die den Fußball unterstützen?
DB: Unser letzter Sponsor war ein Constantiner Bäcker … Aber die Pizzeria, der Tierarzt und viele andere Constantiner unterstützen uns durch Anzeigen im Saisonheft.
TB: Wir sind breiter aufgestellt als früher. Ohne Sponsoren läuft es nicht.
AM: Einige wenige, aber die Akquise wollen wir jetzt strukturell verstärken.

Eine Stadt wie Heidenheim mit einem Einzugsgebiet von ca. 160.000 Einwohnern hat einen Fußball-Erstligisten. Ist in Herne die Westfalenliga das Maximum?


TB:
Gute Frage. Schon der Sprung von der Westfalen- in die Oberliga wäre beachtenswert. Bei der Vereinsstruktur hier in Herne sehe ich mittelfristig nicht die Chance, noch weiter hochzukommen, sprich in die Regionalliga.

Was heißt Vereinsstruktur?

TB: Zum einen stecken wir fußballerisch im Viereck zwischen Dortmund, Schalke, Bochum und Essen fest. Dazu gibt es in der neuen Saison in Herne vier Westfalenligisten. Da nehmen wir uns gegenseitig viele Stücke vom großen Kuchen weg.  Da hat es eine Stadt wie Heidenheim oder sogar unser Nachbar Wattenscheid wesentlich einfacher. Und Fusionen, um hier einen starken Verein zu schaffen, sehe ich nicht.
DB: Der SV Sodingen stellt sich gerade ja ganz neu auf. Vielleicht geht es dort mal höher.
AM: Man muss nicht immer nur ans Geld denken. Warum nicht über eine gezielte Jugendarbeit mit gut ausgebildeten Spielern, die hier im Umfeld bei den Bundesligisten keinen Stammplatz haben, nachdenken? Das hat aber viel mit Kümmern zu tun.
TB: Mehr als Amateurfußball wäre in Herne nur mit einem radikalen Neuanfang möglich. Heißt: Wir vergessen alles, was war, arbeiten einen Plan aus, wie wir einen Verein, egal wie er heißt, hochbringen. Alle müssten an einem Strang ziehen und Kräfte bündeln. Halte ich das für wahrscheinlich? Nein! Und zum Thema Geld: Es gibt noch den Herner EV und die Bundesliga-Basketballerinnen des HTC. Wo sind denn die Unternehmen, die alles unterstützen können. Du kannst einen Euro nur einmal ausgeben.

Letzte Frage: Warum engagieren Sie sich eigentlich so stark für Ihren Verein?


DB
(lacht): Weil ich bekloppt bin! (beide anderen nicken). Und weil hier in Constantin sonst nix los ist, wo man sich noch einmal treffen kann.
TB: Ich bin schon über 40 Jahre in der Vereinsarbeit tätig, früher ja beim Großverein DSC in der Badminton-Abteilung. Ich komme von der Droge Fußball nicht los.
AM: Ich war ja 18 Jahre Trainer. Jetzt habe ich aufgehört, helfe dem Verein aber gerne weiter, weil ich hier eine gute Entwicklung sehe. Denn es ist lohnend, wenn man sieht, und da spreche ich für uns Drei, dass Engagement etwas bewegt. Und es sind ganz viele Freundschaften entstanden.

Text: Jochen Schübel    Fotos: Frank Dieper