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Rhein-Herne-Kanal mit Querverbindungen

Kanaljubiläum

Vor gut zwei Jahren erhielt unser Bildarchiv im Pressebüro einen dicken DIN-A-5-Briefumschlag. Im Kuvert steckten rund 20 sepiafarbene Fotos. Sie zeigen Szenen vom Bau des Rhein-Herne-Kanals, aufgenommen 1912 und 1913. Passend zum Kanaljubiläum (100 Jahre) veröffentlicht „inherne” die Bilder.

Die Fotos haben nicht nur einen wichtigen historischen Wert, sie enthalten auch interessante Querverbindungen. Die Absenderin des Kuverts mit den interessanten Fotos war Ruth Selbert (90 Jahre)  aus Kassel. Unserem Bildarchivar und Stadtfotografen Thomas Schmidt berichtete sie am Telefon, dass die Fotos von ihrem Vater Martin Albrecht stammen. „Er war einer der Ingenieure beim Bau des Rhein-Herne-Kanals.” Albrecht kommt aus dem kleinen Ort Heinebach-Melsungen bei Kassel. In Kassel besuchte er die Königliche Baugewerbeschule. Am 1.04.1913 trat er seinen Dienst beim Königlichen Kanalbauamt zu Herne/Westfalen an (weitere biografische Details: siehe unten)

  • Kanalbauexperten, 1913 in Herne aufgenommen – Martin Albrecht 2.v.l. © Stadt Herne

Mutter des Grundgesetzes

Das sind die Informationen, die wir im direkten Zusammenhang zum Rhein-Herne-Kanal erhalten haben. Aber die Geschichte bleibt auch interessant, wenn wir den für Herne wichtigen Bezug verlassen. Ruth Selbert (* 1924), die Tochter des Ingenieurs, war langjährige Stadtverordnete in Kassel. Heute, mit 90 Jahren, trägt sie dort den Titel „Stadtälteste”. Elisabeth Selbert, die Schwiegertochter, hat sogar große Verdienste für Deutschland erworben.

Sie gilt als eine der vier „Mütter des Grundgesetzes” und als eine Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt” – dieser Artikel im Grundgesetz ist ihr zu verdanken. Sie wurde 1948 als eine von vier Frauen neben 61 Männern in den Parlamentarischen Rat berufen, der das Grundgesetz erarbeitete. Der Gleichberechtigungsartikel fand zunächst keine Zustimmung. Elisabeth Selbert ging an die Öffentlichkeit und sorgte dafür, dass waschkörbeweise Protestbriefe in Bonn eintrafen. Das Stimmungsbild änderte sich. Fazit: Wer auch auf den „Nebenarmen” des Rhein-Herne-Kanal schifft, wird spannende Stories entdecken.

Text: Horst Martens

Fotos: Bildarchiv der Stadt Herne

Kurzbiografie von Martin Albrecht

Susanne Selbert, Tochter von Ruth Selbert, schickte uns diese Kurzbiografie von Martin Albrecht zu.

Martin Albrecht ist geboren am 05.04.1891 und gestorben am 08.05.1960. Er wurde geboren in Heinebach. Heinebach ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Alheim im nördlichen Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

Er besuchte in Heinebach die Volksschule und erlernte dort anschließend das Maurerhandwerk im elterlichen Baugeschäft. Die Gesellenprüfung absolvierte er bei Maurermeister Herwig in Bebra.

Nach seiner Lehre besuchte er ab Oktober 1908 die Königliche Baugewerbeschule in Kassel und absolvierte sie als Jahrgangsbester im März 1913.

Am 01.04.1913 trat er seinen Dienst beim Königlichen Kanalbauamt zu Herne/Westfalen an. 1914 erhielt er eine Anstellung beim Tiefbauamt der Stadt Krefeld.

Während des 1.Weltkrieges wurde er einberufen und an die Ostfront geschickt. Aber bereits nach kurzer Zeit (nach etwa drei Monaten) wurde er auf Bitten der Reichsbahn wieder nach Hause entlassen, da er dort als Spezialist gebraucht wurde.

Seine Tätigkeit bei der Reichsbahn führte ihn in die Nähe von Sangerhausen (Sachsen-Anhalt), nach Rotenburg/Fulda Landkreis Hersfeld-Rotenburg, nach Melsungen (Schwalm-Eder-Kreis) und Bebra (Landkreis Hersfeld-Rotenburg). Er war Bahnmeister und insbesondere verantwortlicher Tunnelbauer in weiten Bereichen des Reichsgebietes.

Trotz vieler Angebote anderer Firmen und Unternehmen nach dem 1. Weltkrieg hat er die Reichsbahn nie wieder verlassen, da er davon überzeugt war, dass sie ihm das Leben gerettet hat.