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Selfies vom Krankenbett – und der Medienmops: die vielen Wege der Facebook-Nutzer

Social Media

Mops Winston und Stefan Erdmann. Mops Winston und Stefan Erdmann.

Facebook hat den Charme der Kommunikationsdroge verloren. Aber dennoch ist Mark Zuckerbergs weltumgreifende Erfindung immer noch so beliebt wie umstritten. Der eine schimpft und nutzt es zähneknirschend, die andere hat einen pragmatischen Zugang, der Dritte lechzt nach sozialem Plausch.

Unterschiedliche sind daher auch die Nutzer, die inherne zu Wort kommen lässt. Eine Sonderrolle spielen dabei die „Statements“ der Oberbürgermeister-Kandidaten – mindestens einer von ihnen wird Hernes digitale Politik in den nächsten Jahren prägend mitgestalten.

Winstons Abenteuer auf eigener Seite

Der Mops Winston von Stefan Erdmann, Journalist bei Radio Herne

Hundebesitzer sind mitunter wie junge Eltern – zumindest mir sagt man ein entsprechendes Verhalten nach, seit Mitte letzten Jahres Mops Winston bei uns eingezogen ist. Seitdem veröffentliche ich nahezu täglich Winstons Abenteuer auf seiner eigenen Facebook-Seite. Dutzende Fans folgen ihm inzwischen beim Toben, Essen, die Welt entdecken – und natürlich beim Schlafen.

Mit seinen braunen Kulleraugen bringt der Medien-Mops die Herzen seiner Online-Fans zum Schmelzen. Als Herrchen muss man dazu mit offenen Augen durch die Welt gehen: Die besten Motive liefert Winston spontan. Auch als WM-Orakel für “meinen” Sender Radio Herne war er schon im Einsatz. Trefferquote: 100 Prozent! 

Star-Allüren machen sich allerdings auch schon bemerkbar: Fotos fürs Netz gibt’s nur noch gegen Fleischwurst-Bezahlung.

Winston bei Facebook: facebook.com/mops.winston

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„Ich bin eingeknickt“

Willy Thomczyk / Schauspieler, Musiker, Dramatiker

Vor 25 Jahren brach das digitale Zeitalter an – und was seither geschah, ist ungeheuerlich. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer spricht sogar von einer „Digitalen Demenz“. Kinder und Jugendliche sind kaum noch lernfähig. Die Herrschenden brauchen das Internet, um zu herrschen und uns zu steuern. Deshalb bin ich seit vielen Jahren ein absoluter Medienkritiker.

Ich ärgere mich maßlos, in welcher Weise Facebook uns steuert und manipuliert. Zuckerbergs Medium ist nicht demokratisch. Es uniformiert die Menschen. Die Freiräume sind heute rein digital.

Facebook ist grausam. Selbst Leute wie ich, die eine kritische Einstellung gegenüber den digitalen Medien haben, können nicht mehr ohne auskommen. Ich nutze es, um meine Message rüber zu bringen. Ich kann nicht im Wald sitzen und warten, bis die Leute kommen. Ich muss dahin gehen, wo mein Publikum ist – hin zu Facebook.

Ja, ich bin eingeknickt. Ich bin im Netz gefangen. Was soll ich denn machen? Soll ich auf der Straße singen, und die Passanten werfen noch nicht mal eine Münze in meinen Hut? Obwohl ich er kurze Zeit bei Facebook bin, habe ich über dieses Medium schon zahlreiche interessante Leute kennen gelernt, unter anderem einen hochwertigen Produzenten, mit dem ich zusammen arbeiten werde.

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„Nur ein Adressbuch“

Sascha Rutzen, Student, inszene-Autor

Für viele meiner Freunde und für mich ist Facebook nicht die große Social-Media-Sache. Ich benutze es eher wie ein großes Adressbuch, über das ich Kontakt zu Freunden, Bekannten und anderen Menschen aufnehmen kann.

Der interessante umfangreichere Content steht nicht auf Facebook. Ich sehe Facebook nur als Durchfluss-Station hin zu den wirklich interessanten Homepages und Blogs.

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„Selfies aus dem Krankenbett“

Jesper Dahl-Jörgensen, Journalist, HEV-Pressesprecher

Wir vom Herner Eishockey-Verein haben sehr gute Erfahrungen mit Facebook gemacht. Als kleiner Verein mit wenig finanziellen Mitteln muss man schauen wie man in der Öffentlichkeit stattfindet. Und Facebook bietet uns hierfür eine (kostenlose) Plattform, um Spiele anzukündigen aber auch unseren Fans die Mannschaft und den Verein näher zu bringen. Wir versuchen das immer auch etwas heiter zu gestalten u.a. wenn verletzte Spieler “Selfies” aus dem Krankenbett schicken oder Fans von ihren Auswärtsfahrten berichten.

„Heiter“ gestalten beginnt bei uns schon mit der Sprache. Wir nutzen umgangssprachliche Elemente und sagen „Auf zum Berg“ oder „Ab zum Tempel“, wenn wir über die Eissporthalle reden. Zudem versuchen wir ab und an, mit unseren Postings Spiele anzufeuern, vor allem Derbys. Hierfür nehmen wir extra gestaltete Grafiken, die dann viral verbreitet werden. Je witziger der Flyer, umso mehr Leute und Fans teilen diesen. Das sorgt für ein größeres Publikum.

Zudem habe ich unser Stadionheft – die CrossCheck – ausgegliedert und hierfür eine eigene Fanpage erstellt. Damit können wir auch auf Entwicklungen im nationalen und internationalen Sport eingehen. Hier poste ich witzige Videos von tollen Toren oder harten Checks. Aber auch unseren Ticker lassen wir hierrüber laufen. Das freut die meisten Facebook-Nutzer, weil sie dann während des Spiels ihre eigenen Kommentare einfügen können. Es gibt sogar einen harten Kern, der sich bei den Spielen immer vor dem Rechner trifft und den Ticker mitbegleitet und mitfiebert.

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Eine nützliche Sache – aber ich bin oft „old school“

Thomas Reinke, Oberbürgermeister-Kandidat (Grüne, AL, Piraten, FDP, Linke)

Facebook ist eine nützliche Sache, auch wenn ich mit dem Datenschutz dabei so meine Probleme habe.

Natürlich spielt Facebook auch im Wahlkampf für mich eine Rolle. Dabei mache ich allerdings keinen Wettbewerb, um möglichst viele Freunde zu bekommen und betreibe auch keine „Fanpage“. Die meisten meiner Facebook-Freunde habe ich auch im realen Leben schon getroffen. Ich poste viel über Veranstaltungen, die ich besuche, politische Termine und Ereignisse, die mich in Herne und Wanne-Eickel bewegen. Dafür schaue ich täglich zwei- bis dreimal bei Facebook vorbei.

Negative Erfahrungen habe ich bisher nicht gemacht, und auch die Reaktionen auf meine Posts sind durchweg positiv. Für den persönlichen Kontakt mit Freunden ist die Chatfunktion sehr praktisch, ich bin da aber oft noch total „old school“ und benutze E-Mails, SMS und diese altertümliche Telefon-Funktion meines Smartphones.

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„Facebook – im Wahlkampf kein künstliches Zwischenspiel“

Dr. Frank Dudda, OB-Kandidat (SPD)

Zunächst steht für mich das persönliche Gespräch nach wie vor an erster Stelle. Soziale Netzwerke wie Facebook sind darüber hinaus ein weiterer Baustein, um Kommunikation mit kurzen, prägnanten Inhalten zu ermöglichen.

Facebook ist eine Ergänzung, denjenigen Bürgerinnen und Bürgern die Kommunikation zu ermöglichen, auch wenn die aus persönlichen und beruflichen Verhältnisse mitunter eingeschränkt sind, und zwar 24 Stunden rund um die Uhr.

Ich bin seit einigen Jahren auf Facebook aktiv und werde dies auch weiterhin bleiben – unabhängig vom Wahlkampf. Im Wahlkampf wird es daher lediglich eine Fortführung der bisherigen Aktivität geben und kein künstliches Zwischenspiel.

Meine Motivation ist es, zu unterschiedlichsten Themen zu informieren und aktuelle Mitteilungen zu verbreiten. So wird jeder Interessierte über aktuelle Geschehnisse informiert und kann daran teilhaben.

Meine Erfahrungen mit Facebook sind überwiegend positiv. Besonders erstaunlich finde ich die Tatsache, wie schnell sich Informationen bei Facebook verbreiten. Innerhalb kürzester Zeit habe ich bei unterschiedlichen Aktivitäten über 1.000 Aufrufe erhalten, so dass ein „Post“ durch die Multiplikation im Freundeskreis in Kürze zahlreiche Personen erreichte.

Abschließend glaube ich, dass wir die neuen Chancen und Möglichkeiten sozialer Netzwerke nutzen sollten, jedoch nie die Sorgfalt aus den Augen verlieren dürfen, die damit einhergehenden Risiken zu unterschätzen.

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„Nach Facebook-Post überall freundlich begrüßt“

Peter Neumann-van Doesburg, OB-Kandidat (CDU)

Ich war Facebook gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Aus Unsicherheit, etwas falsch zu machen, habe ich mich viele Jahre zurückgehalten. Die ungewollten Facebook-Feten waren ja eine zeitlang regelmäßig in den Medien.

Als Vorsitzender der Kommunalpolitischen Vereinigung (KPV) habe ich mit meinem Vorstand vor zwei Jahren einen Praxis-Workshop in der VHS über Facebook und andere soziale Netzwerke organisiert und dabei in einem theoretischen Vorspann die wesentlichen „Knackpunkte“ vorgestellt bekommen. Während dieses Workshops habe ich mich dann bei Facebook angemeldet und zunächst eher passiv dieses Medium genutzt, indem ich mir gezielt einige Seiten angeschaut habe. Dabei habe ich sehr interessante Seiten der Facebook-Möglichkeiten kennenlernen können. Insbesondere der Austausch in bestimmten Interessensgebieten sprach mich zunehmend an.

Parallel dazu entwickelte sich die Facebook-Nutzung als Werbe und Informationsplattform in meinem Arbeitsbereich Kirchengemeinde. Während der traditionelle gedruckte Gemeindebrief mit zweimonatigem Vorlauf aktuelle und kurzfristig entstehende Veranstaltungen nicht in Umlauf bringen kann, verbreiten sich Nachrichten und auch kurzfristige Terminänderungen in Windeseile. Z.B. wurde ein vergessener Hinweis, dass an Rosenmontag der Marler Jugendtreff „Kommma“ geschlossen bleibt, auf der Facebook-Seite in kürzester Zeit von 155 Interessenten eingesehen. 

Mir ist das häufig diskutierte Internet-Mobbing so gut wie gar nicht begegnet. Eher im Gegenteil, waren meist ausgesprochen nette und witzige Kommentare zu verfolgen.

So legte sich meine anfängliche Skepsis und ich tastete mich langsam selbst in die aktive Nutzung hinein. Informationen aus der politischen Tätigkeit wurden von den Parteifreundinnen und Parteifreunden relativ rege begleitet, und auch von Gemeindegliedern bekam ich reichlich Rückmeldungen. Die Resonanz aus den Hobby- und Interessengebieten war riesig.

Auf die Ankündigung, dass Angehörige aktuelle Meldungen von der von mir geleiteten Seniorenfreizeit auf Borkum täglich mit aktuellen Photos abrufen könnten, gab es überschwängliches Echo.

Nach wenigen Tagen waren wir dadurch über mehrere „geschlossene“ Gruppen von Borkumfreunden auf der ganzen Insel bekannt und werden überall freundlich begrüßt. Wenn sich das im Wahlkampf nur annähernd so entwickelt, wäre das eine wunderbare Sache.

Aktuelle Informationen über (besuchte) Veranstaltungen, wahrgenommene oder wahrzunehmende Termine, inhaltliche Anmerkungen und nette Photos lassen sich kaum auf andere Weise ähnlich schnell verbreiten. Und persönlich können mich die Wähler durch den einen oder anderen privaten Post auf diese Weise auch etwas kennenlernen.

Nette Erfahrungen: Auf Borkum wurde ich in einem Café bei der Ankunft meiner Gruppe mit den Worten begrüßt: Guten Tag Herr van Doesburg, wir kennen Sie ja schon ganz gut. Schöne Photos machen Sie von unserer Insel.

Eine andere Borkumerin lud mich über Facebook zu einem Kaffee ein. „Sie machen so nette Berichte und Kommentare von Ihrer Gruppe und wunderbare Photos von Borkum. Ich würde Sie gerne persönlich kennenlernen.“

 

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„Wenn 2.700 Menschen ein Unternehmen liken …“

Christian Stiebling, Inhaber von „Reifen Stiebling“

Wenn 2700 Menschen ein Unternehmen „liken“, das sich mit schwarzen, meist dreckigen Autoreifen beschäftigt – dann können wir Facebook nicht ignorieren. Die Plattform eignet sich zur Imagepflege, zur Kommunikation. Wir informieren unsere Kunden und Mitarbeiter ständig über unser soziales Engagement, über unser umfangreiches Sponsoring im Sport und der Kultur.

Wir sprechen junge Menschen, die eine Ausbildungsstelle suchen gezielt an – mit gutem Erfolg. Hilfreich ist es natürlich, wenn unsere prominenten Partner aktiv Posts gestalten, die sich mit unserem Unternehmen beschäftigen.

Natürlich geben wir auch hin und wieder Tipps für den Umgang mit Reifen, vor allem zum Saisonwechsel. Aber Facebook soll Spaß machen, unterhalten. Da sind Reifen nicht das beste Produkt – wenn wir dennoch in unserer Branche zu den erfolgreichsten Facebook-Betreibern gehören, dann ist auch Spaß dabei!

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Moderne Verwaltungskommunikation

Die Stadt Herne bespielt drei Social Media-Kanäle. Bei Facebook „mögen“ die Stadt Herne gut 2.800 Personen. Bei Twitter folgen uns unter https://twitter.com/Stadt_Herne 1.000 Personen beziehungsweise Institutionen. Videos, die im Auftrag der Stadt entstanden sind, stellen wir außerdem bei Youtube ein. Gestartet sind wir im Sommer 2010 mit Twitter, ein halbes Jahr später kam unsere Facebook-Seite dazu. Unsere Social Media-Aktivitäten haben sich bewährt. Durch sie erreichen wir schnell und zeitgemäß auch solche, die sich sonst eher nicht für Informationen aus dem Rathaus interessieren, gerade wenn es schnell gehen muss und bei besonderen Anlässen – zum Beispiel der Bombenentschärfung im vergangenen August auch mal außerhalb der üblichen Dienstzeiten. Verwaltung und moderne Kommunikation sind bei uns kein Widerspruch.

Christoph Hüsken, Redakteur, Stadtsprecher, Stadt Herne

Gesammelt von: Horst Martens