inherne im Gespräch mit der neuen Leiterin des Archäologie-Museums
Das LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne hat seit 1. September eine neue Leiterin. Auf Doreen Mölders folgt nach fünf Jahren Melanie Wunsch. Wir sprachen mit der Duisburgerin über ihren Start, die zukünftige Ausrichtung des Museums und die neue Sonderausstellung „Mahlzeit“, die sich mit der Kultur des Essens befasst.
inherne: Wie waren denn die ersten Wochen?
Melanie Wunsch: Das war eine intensive und auch sehr schöne Zeit, weil ich vier Wochen vor Ausstellungseröffnung in die aufregendste Zeit des Jahres hineingeworfen worden bin. Das war für mich total gut, weil ich sehen konnte, wie alle zusammenarbeiten. Es war schon ein toller Einstieg, besser hätte es nicht gehen können.
inherne: Sie haben zuvor im Neanderthal Museum in Mettmann gearbeitet. Was hat Sie nach Herne verschlagen?
Melanie Wunsch: Also ich bin aus dem Ruhrgebiet und jetzt hier zu arbeiten und für das Ruhrgebiet, für die Leute hier, das war für mich so ein ‚ja, das passt Moment‘. Ich habe aber erstmal länger drüber nachdenken müssen, weil für mich eine Museumsleitung nie das Ziel war. Ich war sehr glücklich mit dem, was ich da gemacht habe. Ich habe das Ausstellungsmanagement geleitet, war für die Aktualisierung der Dauerausstellung zuständig und habe jedes Jahr auch eine eigene Sonderausstellung gemacht.
inherne: Was macht für Sie den Reiz des Museums aus?
Melanie Wunsch: Ich habe die Frühgeschichte Mittel- und Nordeuropas studiert und genau das wird hier abgebildet. Das ist die lokale Geschichte, aber auch angebunden an das Weltgeschehen. Die Leute wissen oft gar nicht, was hier vor der Haustür gefunden wird. Und das zu vermitteln, das ist für mich schon wichtig.
inherne: Was möchten Sie zukünftig umsetzen?
Melanie Wunsch: Es geht darum, von dem Image von Museen wegzukommen, sie seien vielleicht elitär oder langweilig. Wir als Museum müssen uns bewusstmachen, dass wir mit Freizeitparks, mit Zoos, mit Schwimmbädern konkurrieren. Wir wollen Kulturarbeit machen und kulturelle Bildung leisten. Die Frage ist aber, wie kriegen wir die Leute eigentlich rein? Aus meinem alten Job nehme ich mit, dass man nahbar sein muss, glaubwürdig und wirklich für die Leute da ist. Es soll in die Gesellschaft hineinwirken, was wir hier an Themen machen.
inherne: Wie kann das konkret aussehen?
Melanie Wunsch: Wir müssen die Inhalte noch mehr auf andere Weise präsentieren. Es geht darum, interaktiv zu sein, mitmachen zu können, etwas anzubieten, was auch kleine Kinder erfassen können. Also wirklich anfassen, was ausprobieren, einen Effekt haben und was lernen. Wir haben ja auch das tolle Grabungscamp draußen. Das ist super.
inherne: Welche Herausforderungen sehen Sie?
Melanie Wunsch: Wir konkurrieren mittlerweile mit diesen riesigen Ausstellungshallen, die so pop-upmäßig plötzlich irgendwo sind, wie „Titanic“. Wahnsinnig teuer, tolle Projektionen, die man da hat, aber verhältnismäßig wenig Inhalt. Ein Ticket kostet 30 Euro und die Leute gehen da rein.
inherne: Sollte ein Museum also heute „instagrammable“ sein?
Melanie Wunsch: Es geht viel mehr über Social Media mittlerweile. Die Erlebnisse werden auf Insta und auf TikTok geteilt, da werden Tipps gegeben. ,Hey, hast du das gesehen?‘ Da brauchen wir keine Flyer zu drucken. Aber wir müssen den jungen Leuten auch was bieten, wenn wir die reinholen wollen und uns anpassen. Und das ist der eine Aspekt: Spaß, Immersion, Erlebnis. Der andere Aspekt ist aber tatsächlich auch, kulturelle Bildung zu leisten.
inherne: Was lernen wir denn aus der Vergangenheit?
Melanie Wunsch: Für mich ist hier das Thema Migration ein großes. Ich lebe in Duisburg und sehe diesen Frust. Für mich ist es wichtig zu sagen, was ist denn das Ruhrgebiet? Und ohne Leute, die hierhergekommen wären aus anderen Regionen, wäre das Ruhrgebiet nicht das, was es auch geworden ist. Das hat schon immer zu uns gehört. Migration ist etwas, was sich durch unsere komplette Menschheitsgeschichte durchzieht wie ein roter Faden. Ohne Migration wäre Evolution nie möglich gewesen, wären wir nie hier, wo wir sind. Es hat schon immer kulturellen Austausch gegeben. Es hat auch schon immer Kontakt mit Leuten gegeben, die von irgendwo anders hergekommen sind und Innovationen mitgebracht haben. Natürlich haben wir Herausforderungen, die wir meistern müssen und das ist nicht alles einfach, aber wir als Menschen haben auch Verantwortung anderen gegenüber. Es ist Glück und Zufall, dass wir hier geboren worden sind. Andere hatten das Glück nicht.
inherne: Anfang Oktober wurde die Sonderausstellung „Mahlzeit!“ eröffnet. Worauf können sich die Besuchenden freuen?
Melanie Wunsch: Die Ausstellung nimmt in den Fokus, wie und mit wem wir essen und was damit verknüpft ist. Welche Gewohnheiten haben wir heute? Wie war das in der Vergangenheit? Auch da ist es wieder spannend, wenn man zurückguckt. Wie ist es bei den Römern und Griechen gelaufen, wo es wirklich Exzesse gegeben hat. Wir haben sehr skurrile Objekte in der Ausstellung. Der sogenannte Natternbaum auf dem Tisch sollte anzeigen, wenn Gift in der Nähe war. Also sehr, sehr viele Facetten des Miteinanderessens werden dort aufgemacht. Immer in Verbindung mit der Archäologie. Weitere Infos zu Veranstaltungen rund um die Sonderausstellung gibt es unter: www.lwl-landesmuseum-herne.de