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Warum wird einem im Karussell schwindelig?

Das Gehirn kommt durcheinander

Bei einer rasanten Karussellfahrt wird vielen Menschen schwindelig, manchmal sogar übel, und nach dem Aussteigen dreht sich der ganze Kirmesplatz noch eine Weile weiter. Aber warum ist das so? Kevin Kevenhörster ist Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde und hat seine Praxis in der Schulstraße in Herne. Er erklärt, dass der Schwindel auftritt, wenn das Gehirn zu viele widersprüchliche Sinnesreize verarbeiten muss.

Verschiedene Sinnesreize treffen aufeinander

„Meistens wird einem primär schwindelig, die Übelkeit ist eine Begleiterscheinung“, so Kevenhörster. „Das Gehirn koordiniert unsere Sinneseindrücke wie ein Zentralcomputer.“ Die Gelenke melden, in welcher Stellung sie sich befinden, ob man sitzt, steht oder sich bewegt. Die Augen melden, ob man schräg oder gerade zur Umgebung steht und die Beschleunigungssensoren im Innenohr melden Drehungen. Bei diesen Sensoren handelt es sich um kleine Gänge, genannt Bogengänge, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Wenn der Körper sich dreht, kommt diese Flüssigkeit in Bewegung und meldet so bestimmten Sinneszellen, dass sich etwas tut.

Dreht man sich zu schnell, passen die verschiedenen Sinneseindrücke nicht mehr zueinander. Die Gelenke melden, dass man im Karussell sitzt und sich eigentlich ruhig verhält. Doch meldet das Innenohr eine schnelle Bewegung – womöglich noch in unterschiedliche Richtungen. Dann meldet das Auge, dass die Kirmes schnell vorbei zieht und man womöglich noch verkehrt herum in der Luft hängt. Das Gehirn reagiert darauf mit Stress, der sich im Schwindelgefühl äußert. Wird der zu viel, kommt auch noch die Übelkeit hinzu. Ein Grund dafür ist, dass das Schwindelzentrum des Gehirns sehr nahe am Brechzentrum liegt und diese Zentren dazu neigen, sich gegenseitig zu aktivieren.

Warum der Kirmesplatz sich weiter dreht

Auch wenn das Karussell schließlich still steht und man aussteigen kann, bleibt der Schwindel oft noch für ein paar Minuten und man hat das Gefühl, dass die Umgebung sich immernoch dreht. Das liegt daran, dass die Flüssigkeit in den Bogengängen so stark beschleunigt wurde, dass sie eine Weile braucht, um sich zu beruhigen und keine weitere Drehbewegung mehr zu melden.

Kinder stecken die Drehungen im Fahrgeschäft leichter weg als Erwachsene, weil bei ihnen die Sinneseindrücke noch nicht so gut synchronisiert werden. Das hat den Vorteil, dass das Gehirn weniger schnell irritiert ist. „Bei Erwachsenen spielt auch Logik eine Rolle. Ihnen erscheint es unlogisch, zu sitzen und sich zugleich zu bewegen“, weiß Kevenhörster.

Tipps fürs Karussellfahren

Sein Tipp für schnelle Fahrten ist: „Vorher wenig Alkohol trinken, weil Alkohol die Sinne beeinträchtigt. Es hilft, bei der Fahrt mit den Augen einen festen Punkt zu fixieren, zum Beispiel den Haltegriff oder den Kopf des Vordermanns. Wenn sich nach der Fahrt noch alles dreht, hilft ruhig bleiben, bis sich die Sinne beruhigt haben.“ Gut sei auch, vor der Fahrt weder besonders hungrig noch besonders satt zu sein, denn wenn der Magen sich ohnehin unwohl fühlt, wird einem schneller übel. Wem nach einer halben Stunde immer noch schwindelig ist und wer dazu noch Nackenschmerzen hat, sollte zum Arzt gehen und überprüfen lassen, ob die Halswirbelsäule zu sehr strapaziert wurde.

Kevenhörster selbst ist übrigens „selbstverständlich Crange-Fan und seit frühester Kindheit Crange-erprobt“. Der 38-Jährige ist in Bochum geboren und aufgewachsen und war oft mit seiner Familie auf der Kirmes. „Fahrgeschäfte mit schnellen Beschleunigungen wie Achterbahn oder Freefall-Tower fahre ich liebend gerne. Die Fahrgeschäfte, die einen wie eine Waschmaschine in verschiedene Richtungen wirbeln, sind gar nichts für mich.“

Nina-Maria Haupt