Weit mehr als nur ein Krankenhaus

4. Januar 2026 | Ausgabe 2026/1

Der EVA Ruhr hat 11.500 Mitarbeitende

Das Evangelische Krankenhaus an der Wiescherstraße ist Teil des Evangelischen Verbundes Augusta Ruhr (EVA Ruhr), einem der größten Arbeitgeber in der deutschen Medizinbranche überhaupt – und der Hauptsitz dieses Giganten der Branche befindet sich ebenfalls in unserer Stadt. inherne hat sich mit Olaf Walter, Konzerngeschäftsführer und Sprecher Gesundheitswirtschaft, über aktuelle und zukünftige Herausforderungen der Branche unterhalten.

inherne: Können Sie für unsere Leser*innen kurz einordnen, was der Evangelische Verbund Augusta Ruhr ist?

Olaf Walter: Gerne. Der EVA Ruhr ist durch eine Fusion der Evangelischen Krankenhausgemeinschaft Herne/Castrop-Rauxel mit den Einrichtungen des Diakoniewerks in Gelsenkirchen und Wattenscheid, zu dem das Evangelische Klinikum in Gelsenkirchen gehört, sowie den Krankenhäusern  der Augusta-Kliniken in Bochum und Hattingen entstanden. Ebenfalls Teil der Fusion war die Diakonie Ruhr, die besonders stark in der Alten- und Behindertenhilfe sowie in der Pflege tätig ist – sowohl ambulant als auch stationär. Dazu gehören zahlreiche Altenheime sowie ambulante Pflegedienste. Insgesamt beschäftigen wir im Konzern aktuell rund 11.500 Menschen. In der Fusion hat sich der Herner Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda in seiner Rolle als Aufsichtsratsmitglied dafür eingesetzt, dass der Sitz der Holding in Herne angesiedelt werden konnte. Mit Sitz in Herne ist der EVA Ruhr damit ein ganz großer Player in der deutschen Gesundheitsbranche. Der Umsatz im vergangenen Jahr belief sich auf knapp eine Milliarde Euro.

inherne: Wie geht es dem Konzern und im Besonderen dem EvK Herne heute?

Olaf Walter: Der Gesamtkonzern ist gut unterwegs, obwohl in Deutschland mehr als 60 Prozent aller Krankenhäuser rote Zahlen schreiben. Für den Bereich der Gesundheitswirtschaft erwarten wir für 2025 ein ausgeglichenes Betriebsergebnis, möglicherweise sogar einen kleinen Gewinn. Das ist aus meiner Sicht bemerkenswert, wenn man den Verlauf der letzten Jahre und die Gesamtlage der deutschen Gesundheitswirtschaft betrachtet. Das EvK Herne ist sowohl wirtschaftlich als auch medizinstrategisch auf einem guten Weg. Im Thoraxzentrum in Eickel haben wir gerade erst in einen neuen Bronchoskopie-Roboter investiert, von dem unsere Patient*innen stark profitieren werden. Dieses Gerät gibt es deutschlandweit aktuell nur viermal. Dass wir uns diese Investition in Herne leisten können, zeigt, wie gut der Standort aufgestellt ist. Das gilt auch für unsere exzellente medizinische Ausstattung in anderen Bereichen – etwa in der Kardiologie oder der Viszeralchirurgie. Zudem entwickeln wir uns kontinuierlich weiter, auch im ambulanten Bereich.

„Der Gesamtkonzern ist gut unterwegs, obwohl in Deutschland mehr als 60 Prozent aller Krankenhäuser rote Zahlen schreiben.“

Olaf Walter, Konzerngeschäftsführer und Sprecher der Gesundheitswrtschaft

inherne: Ist Herne ein guter Standort?

Olaf Walter: Aus meiner Sicht ein klares Ja. Im Ballungsraum Ruhrgebiet gibt es zwar viele Krankenhäuser, die um belegte Betten konkurrieren, insgesamt ist die Region aber sehr lebendig. Hier leben viele junge Menschen, und es gibt zahlreiche universitäre Einrichtungen im direkten Umfeld. Das sorgt dafür, dass wir beim Nachwuchs gut aufgestellt sind. Verkehrsgünstig gelegen ist die Region ohnehin. Dass die Standorte im EVA Ruhr räumlich nah beieinanderliegen, ist ebenfalls ein Vorteil. So können wir unser Medizinkonzept schlüssig aufsetzen und strategisch denken. Diesen Vorteil hat die Konkurrenz, die zum Teil über das ganze Land verteilt ist, nur selten. Zudem gewinnt Herne zunehmend an Attraktivität, nicht zuletzt durch neue Hochschulen. Das bestätigen aktuell auch verschiedene Studien.

inherne: Welche Herausforderungen stehen auf der Agenda?

Olaf Walter: Eine der großen Herausforderungen sitzt in Berlin und trägt den Namen Nina Warken. Die alte Bundesregierung hatte seinerzeit ein Unterstützungspaket für die Krankenhauslandschaft auf den Weg gebracht. Dieses erlaubt es uns noch bis Ende Oktober, auf bestimmte Leistungen einen Zuschlag zu erheben. Danach wird die Finanzierung allerdings wieder schwieriger, da ein Teil dieses Geldes zurückgeführt werden soll. Für uns heißt das: Wir müssen uns in diesem Jahr fit für die kommenden Jahre machen. Das Potenzial dafür ist auf jeden Fall vorhanden, und wir werden uns notwendige Restrukturierungen leisten können. Beim Thema Fachkräftegewinnung mache ich mir derzeit ehrlich gesagt keine großen Sorgen. Größere Anforderungen kommen jedoch mit der fortschreitenden Digitalisierung auf uns zu. Diese kostet vor allem Geld, das wir aus eigener Kraft aufbringen müssen – zumal ein wichtiger Fördertopf Ende des Jahres wegfällt. Langfristig wird uns KI-gestützte Technik aber eine große Hilfe sein. Eine weitere Herausforderung ist die Ambulantisierung: Immer mehr Behandlungsprozesse werden künftig in den ambulanten Bereich verlagert.

inherne: Gibt es so etwas wie einen Konkurrenzkampf unter den Kliniken?

Olaf Walter: Der Wettbewerb war lange Zeit äußerst robust, gerade in NRW. Hier hat man die Krankenhäuser viele Jahre ohne externe Steuerung agieren lassen. Das hat der Behandlungsqualität im Land nicht unbedingt gutgetan. Diese Situation führte dazu, dass Karl-Josef Laumann die Krankenhausplanung reformiert hat, um den Wettbewerb zu ordnen und abzuschwächen. Das war und ist aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll und kommt auch der Versorgung der Patient*innen zugute.

inherne: Wird die Gruppe in Zukunft wachsen oder ist der Markt gesättigt?

Olaf Walter: Ja, Wachstum ist vor allem in den Bereichen zu erwarten, die uns im Rahmen der Krankenhausplanung zugewiesen sind. Auch der ambulante Bereich wird weiter wachsen, ebenso der Bereich der Medizinischen Versorgungszentren. Auch hier sind wir bereits aktiv. Ein großer Vorteil unseres Verbundes ist, dass wir die gesamte Versorgungskette abbilden können und so Synergieeffekte nutzen.

inherne: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Olaf Walter: Ich habe viele Jahre in Bayern gearbeitet. Dort war die Krankenhausförderung so aufgestellt, dass es eine umfangreiche Einzelförderung gab. Bestimmte Projekte wie Neubauten oder die Anschaffung von Großgeräten wurden vom Freistaat gefördert. Dieser Weg wurde nun auch in NRW durch Karl-Josef Laumann bereitet. Für den Neubau eines Campus für Seelische Gesundheit in Gelsenkirchen haben wir beispielsweise eine Förderung in Höhe von rund 40 Millionen Euro erhalten. Es wäre wünschenswert, wenn solche Förderungen in Zukunft häufiger möglich wären.

Danke für das Interview.

Interview: Philipp Stark     Fotos: Philipp Stark, Evangelischer Verbund Augusta Ruhr