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Wen macht die Banane krumm

Weihnachtsmarkt 1972: Würstchenbude und Kinderscooter, nebenan gibt es Lebkuchen und gebrannte Mandeln. Buden, Gedränge, Angebote und mittendrin ein Tapeziertisch mit exotischen Auslagen: Kunsthandwerk aus Mexiko, Trommeln aus Tansania, Alpaka-Pullover aus Bolivien und Indio-Kaffee aus Guatemala, 100-prozentige Hochland-Qualität, das Pfund zu DM 8,90. „Das Aroma der Gerechtigkeit hat seinen Preis“, sagt einer der jungen Leute hinter dem Stand. Anfang der 1970er Jahre wurde auch im Revier einigen Menschen bewusst, dass ihr täglicher Wohlstand auf der Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt beruhte. Warum war der Kaffee im Supermarkt so günstig, aber die Kaffee-Bauern in Brasilien oder Kenia konnten nicht davon leben? Was hatte unser Konsum mit der Armut in der Welt zu tun?

Pfarrer Harald Rohr setzte sich ein

In Herne hatte sich Harald Rohr dieser Fragen angenommen. Der Gemeindepfarrer aus Baukau trommelte und ackerte als „One-Man-Band“ für sein Verständnis von der Bewahrung der Schöpfung. Er überzeugte und fand Mitstreiter. Im Juli 1974 öffnete der „Weltmarkt“ seine Türen. Es war der erste „Dritte-Welt-Laden“ im Revier und der dritte in Deutschland. „Die Idee, mit dem Warenverkauf kleine Kooperativen in der Dritten Welt zu unterstützen und dabei Menschen hier über Ausbeutung und Armut zu informieren, war einfach bestechend. Wir trafen auf eine große Offenheit bei den Leuten“, erinnert sich Elke Breddermann, die von Anfang an dabei war. „Kirche ist bei mir nicht“, hatte sie dem Pfarrer gestanden, dem das ganz und gar schnuppe war. Engagement war wichtiger als Mission. „Wir haben indisch gekocht, Saris getragen, Modeschauen gemacht. Wir wollten nicht nur von Hunger und Unterdrückung erzählen, sondern auch von der Kultur der Menschen“, so Breddermann.

Neben dem Ladenlokal entstanden in der Heinrichstraße 5 ein Jugendcafé, eine Medienbibliothek und im Jahr 1976 das „Informationszentrum 3. Welt“ (IZ3W). Alles subventioniert von der evangelischen Kirche. Harald Rohr erhielt einen Sonderstatus. Er schied aus der Gemeindearbeit aus und bekam eine Pfarrstelle für „Ökumenische Diakonie“. Der streitbare Pfarrer wurde zum Berufslobbyisten für die Ärmsten der Armen: ausgerüstet mit der ehrenamtlichen Weltmarkt-Crew, zwei Zivildienstleistenden, einem alten VW-Bully und einer gebrauchten Schreibmaschine. „Es war Pionierarbeit und natürlich wurden wir in die linke Ecke gedrängt“, erinnert sich Klaus-Dieter Gülck, der Ende der 1970er Jahren als Zivildienstleistender im IZ3W gearbeitet hat. „Bei unseren Aktionen reagierten die Leute auf der Straße halbwegs interessiert bis zur Frage ‚Was machen die Spinner da?‘“ Die mühselige Bildungsarbeit blieb ein Schwerpunkt: „Wir haben etliche Schulklassen bei uns gehabt. Zum Standard gehörte das Rollenspiel ‚Wen macht die Banane krumm?‘, das über Produktionsbedingungen von Exportfrüchten und den Alltag von Arbeitskräften in den Anbauländern informierte. Da hat sich vorher doch kein Mensch Gedanken darüber gemacht.“

Beschwerden und  Denunziationen

Auch die Konflikte ließen bald nicht mehr auf sich warten. Nach dem Schüleraufstand in Soweto 1976 mit 450 Toten durch Polizeigewalt beteiligte man sich an der Anti-Apartheid-Kampagne. „Nelson Mandela saß noch als Terrorist auf Robben Island ein und mit der Forderung nach dem Boykott südafrikanischer Früchte und der Krügerrand Goldmünzen sorgte man auch hier vor Ort für gehörigen Ärger“, so Gülck. Es hagelte Beschwerden und Denunziationen über den „roten Pfarrer und seine Helfershelfer“. Aber der Kirchenkreis in Persona des progressiven Superintendenten Fritz Schwarz zeigte Rückgrat und ließ sich nicht auf die Forderungen nach disziplinarischen Maßnahmen ein. Als 1979 die Jutetasche aus Bangladesch mit dem Aufdruck „Jute statt Plastik“ zum Verkaufsschlager wurde, war man fast zum Mainstream geworden. Es begann die Zeit von Nicaragua-Kaffee und der Angst vor dem Strahlentod – egal ob durch die Atomkraft oder den Nato-Doppelbeschluss. „Dritte-Welt“-Arbeit war ohne Friedensarbeit und ohne das Engagement für Menschenrechte und Umweltschutz einfach nicht denkbar, wie Harald Rohr Jahre später resümierte: „Dass alles mit allem zum Guten wie zum Bösen zusammenhängt, ist eine der wenigen Lehren, über die wir wirklich nicht mehr zu streiten brauchen.“

Text: Ralf Piorr