„Wenn alles passt, arbeite ich bis zu meinem 70.“

4. Januar 2026 | Ausgabe 2026/1

Der Herner Hausarzt Dr. Michael Bruch berichtet über die Herausforderungen für die Ärzteschaft

Hausärz*tinnen kommt im deutschen Gesundheitssystem eine ganz zentrale Rolle zu. Als gut ausgebildete Generalisten ihres Fachs verfügen sie über ein enormes Wissen und helfen bei kleinen „Wehwehchen“ ebenso wie bei größeren gesundheitlichen Problemen. Kurz gesagt: Sie genießen in der Regel ein hohes Ansehen und sind für ihre Patient*innen nicht selten über Jahrzehnte hinweg da.

Dennoch kriselt es in der Branche seit vielen Jahren. Immer weniger Allgemeinmediziner*innen wagen – trotz nach wie vor guter Verdienstmöglichkeiten – den Schritt in die Selbstständigkeit, und die verbliebenen Ärzt*innen werden im Durchschnitt immer älter. inherne hat sich mit dem gebürtigen Herner Dr. Michael Bruch unterhalten, der mit seinen 66 Jahren zu den erfahrensten Vertretern der Ärzteschaft unserer Stadt zählt. Michael Bruch war viele Jahre Teil einer großen Gemeinschaftspraxis am Bahnhof, ehe er 2021 eigene Wege ging.

Der 66-jährige Dr. Michael Bruch in seiner Praxis

Zu wenig Nachwuchs

„Wir waren eine der ersten Praxen in Deutschland, die Praxissitze übernommen und anschließend überörtliche Gemeinschaftspraxen gegründet hat. Die Ärzte waren nicht nur bei uns beschäftigt, sondern an mehreren Standorten in der Stadt tätig. In der Spitze hatten wir 40 Arzthelferinnen und sieben angestellte Ärzte. Dem Ärztemangel geschuldet, mussten wir jedoch einige Außenstellen schließen. Uns fehlte schlichtweg der Nachwuchs“, berichtet Dr. Michael Bruch über diese Zeit. Seit gut vier Jahren hat er seinen Praxissitz an  der Forellstraße auf dem Protea-Care-Gelände in Sichtweite des Herner Schlosses. Heute arbeiten dort fünf medizinische Fachangestellte und zwei angestellte Ärzte.


Ärzt*innen arbeiten noch mit 80

„Wenn alles passt, will ich noch vier Jahre arbeiten, dann bin ich 70. Ob  ich dann ganz aufhöre oder noch tageweise weitermache, das werden wir sehen.“ Damit passt Michael Bruch perfekt in eine Branche, in der man durchaus von Überalterung sprechen kann. „Bei uns in Herne liegt das Durchschnittsalter der niedergelassenen Hausärzte  aktuell bei über 60 Jahren. Einige Kollegen sind bereits über 70, in der Spitze sogar 80 Jahre alt“, erklärt Bruch. Auch für den fehlenden Nachwuchs hat er eine Erklärung: „65 Prozent der Studierenden sind Frauen. Viele von ihnen arbeiten nach dem Studium nur in Teilzeit, bleiben häufig in den Kliniken und wagen nicht den Schritt in die Selbstständigkeit.“

Patient*innen werden ebenfalls älter

Hinzu komme, dass die Arbeitsbedingungen und das Umfeld deutlich herausfordernder geworden seien. „Was sich definitiv verändert hat, ist die Bürokratie – sie hat enorm zugenommen. Positiv hervorzuheben ist allerdings die Digitalisierung. Nahezu alles läuft heute über den PC: Es gibt keine Karteikarten mehr, kaum noch Papier. Man muss weniger suchen, benötigt weniger Stauraum und kommt schneller an Daten.“ Doch genau hier fingen auch die Probleme an, so der 66-Jährige: „All das ist nur so lange von Vorteil, wie die Daten korrekt eingepflegt werden. Vielen Ärzten fehlt dafür schlicht die Zeit. Unser Problem in den hausärztlichen Praxen ist: Weil es weniger Kolleginnen und Kollegen gibt, müssen wir mehr Patienten versorgen. Zudem werden die Menschen immer älter – wir haben heute deutlich mehr 80- bis 90-jährige Patienten.“


Zu viel Bürokratie

Michael Bruch missfällt außerdem der enorme bürokratische Aufwand: „Unzählige Verordnungen machen uns das Leben schwer. Die Menschen benötigen nicht nur Medikamente, sondern auch Überweisungen zum Facharzt, Verordnungen für häusliche Krankenpflege und vieles mehr. Auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen ist stark gestiegen. Und selbstverständlich brauchen die Menschen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus weiterhin Unterstützung durch ihren Hausarzt.“

1,24 Euro pro Plan

Ein weiteres Problem sieht Michael Bruch im Medikationsplan. „Gerade Patienten aus der Geriatrie benötigen bis zu 20 verschiedene Medikamente. Das alles muss erfasst und in einem Medikationsplan zusammengestellt werden. Der Zeitaufwand dafür liegt bei etwa zehn bis 15 Minuten pro Patient. Honoriert wird das mit genau 1,24 Euro.“ Er habe das für seine Praxis einmal beispielhaft ausgerechnet: „Pro Quartal erstellen wir rund 500 Medikamentenpläne. Das entspricht mehr als 100 Stunden oder zwei Arbeitswochen pro Quartal – nur für diese eine Tätigkeit. Ich finde das erschreckend.“


Keine Altersgrenze

Der Verdienst der Hausärzt*innen sei zudem zurückgegangen, da die Kosten stetig gestiegen seien, die Krankenkassen ihre Leistungen jedoch nicht entsprechend angepasst hätten. Der finanzielle Anreiz, sich mit einer Hausarztpraxis selbstständig zu machen, sei daher nicht mehr so groß wie früher. Auch das trage dazu bei, dass sich immer weniger Ärzt*innen für diesen Weg entschieden. All dies habe dazu geführt, dass es seit vielen Jahren keine Altersgrenze mehr für praktizierende Allgemeinmediziner*innen gibt. Auch Zulassungsbegrenzungen existieren bei uns nicht mehr.


Gesunkene Attraktivität

„Zusammenfassend kann man sagen“, so Bruch, „dass die Attraktivität des Berufs stark nachgelassen hat. Der Zeitaufwand für die Betreuung der Patienten ist deutlich gestiegen, daraus resultiert eine höhere Arbeitsbelastung – bei gleichzeitig nicht angepasster finanzieller Vergütung.“ Dennoch habe der Beruf des niedergelassenen Hausarztes weiterhin seine guten Seiten: Notfallpraxen in Krankenhäusern sowie der ärztliche Bereitschaftsdienst sorgten dafür, dass Hausärzt*innen heute an Wochenenden, nachts oder an Feiertagen kaum noch arbeiten müssten. Mit diesem versöhnlichen Ausblick schließt Michael Bruch das Gespräch.

Text und Fotos: Philipp Stark