„Wer Zukunft gestalten will, der ist im Handwerk genau richtig“

23. April 2024 | Ausgabe 2024/2

inherne-Gespräch mit Handwerksobermeister Jörg Pieper

Ohne Handwerk geht es nicht. Das ist keine Floskel, sondern ein Fakt. Und obwohl das Handwerk sichere Arbeitsplätze und gute Perspektiven bietet, ist allein in den letzten zehn Jahren die Zahl der Auszubildenden in NRW um fast zehn Prozent gesunken. Im Bereich Metallbau waren es sogar über 35 Prozent. Über die möglichen Hintergründe und Wege in eine bessere Zukunft für das Handwerk haben wir uns mit Jörg Pieper unterhalten, Innungsobermeister und Inhaber eines Metallbaubetriebes an der Castroper Straße. Mit diesem Interview startet inherne eine Reihe über das Herner Handwerk.

inherne: Herr Pieper, als Obermeister Ihrer Innung sind Sie gut vernetzt mit den Kolleginnen und Kollegen, kriegen viel über die aktuelle Lage mit. Wie geht es dem Handwerk heute?

Jörg Pieper: Ein großes, übergeordnetes Thema ist die überbordende Bürokratie. Gerade kleine Betriebe sind davon überproportional stark betroffen. In vielen Fällen müssen sie identische Anforderungen wie Großunternehmen erfüllen, ohne auch nur annähernd vergleichbare Ressourcen zu haben. Die Vielzahl an Dokumentations- und Berichtspflichten ist dabei ein besonders großes Problem. Hinzu kommt: Behörde ist nicht gleich Behörde. Das erfahren Handwerksbetriebe zu ihrem Leidwesen allzu oft. Widersprüchliche Auskünfte, uneinheitliche Anforderungen und abweichende digitale Angebote erschweren unsere Arbeit. Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, braucht es eine klare Agenda mit konkreten Maßnahmen. Wir brauchen spürbare steuerliche Entlastungen, eine Sozialabgabenbremse und verbesserte Investitionsbedingungen für Unternehmen. Klar ist: Die großen Transformationsziele können nur mit massiven privaten Investitionen und qualifizierten Fachkräften realisiert werden.

Auszubildender an der Metallsäge.

Ansicht der Firma Metallbau Pieper.

Auszubildender bei Feinarbeiten.

„Das Handwerk leidet unter dem Akademisierungswahnsinn.“

inherne: Wie ist die Lage in Ihrem speziellen Gewerk?

Jörg Pieper: Mit dem Ende des ersten Quartals 2024 bezeichnen fünf von zehn Feinwerkmechanikern und jeder zehnte Metallbauer die aktuelle wirtschaftliche Lage als nicht ausreichend, immerhin 30 Prozent aller Metaller als gut oder besser. Obwohl der Auftragsbestand im Vergleich zum Jahresbeginn nahezu unverändert ist, hat sich die Stimmung Anfang des Jahres leicht aufgehellt. Nach wie vor problematisch ist die Investitionsneigung m Metallhandwerk. Weniger als ein Drittel der metallhandwerklichen Unternehmen plant umfangreichere Investitionen im laufenden Jahr.

inherne: Ist Herne ein gutes Pflaster für das Handwerk?

Jörg Pieper: Wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, ist jede Stadt ein gutes Pflaster für das Handwerk. Auch wenn die Bürger in Herne leider nicht die kaufkraftstärksten sind, hilft uns auch die Lage mitten in einer Metropolregion. Was wir zudem brauchen, sind verlässliche Rahmenbedingungen aus der Politik. Wichtig ist es zu erkennen, dass wir als kleiner Betrieb auf den Standort angewiesen sind und die Stadt auf unsere Steuereinnahmen. Erzählen Sie uns bitte etwas über die Geschichte Ihres Unternehmens.

Das Ehepaar Pieper vor ihrer Firma.

inherne: Erzählen Sie uns bitte etwas über die Geschichte Ihres Unternehmens.

Jörg Pieper: Gerne. Wir sind heute ein klassischer Familienbetrieb, der seit 2003 von mir und meiner Frau Karin Pieper geführt wird und auf Bauelemente wie Haustüren, Fenster, Markisen, Vordächer, etc. spezialisiert ist. Gegründet wurde das Unternehmen 1967 von Manfred und Franz Pieper. Nach schwerer Krankheit von Franz Pieper übernahm mein Vater als alleiniger Inhaber den Betrieb und baute das Unternehmen und Portfolio zusammen mit seiner Frau weiter aus. Heute beschäftigen wir neun Mitarbeitende inklusive zwei Lehrlingen. Die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden sowie eine gute Lehrlingsausbildung haben bei uns einen sehr hohen Stellenwert.

inherne: Wie steht es denn um den Nachwuchs?

Jörg Pieper: Das Handwerk leidet unter dem Akademisierungswahnsinn. Qualifizierte Fachkräfte und eine ausreichende Fachkräftebasis sind das Fundament der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im Handwerk. Die drei großen „D“ – Demografie, Digitalisierung, Dekarbonisierung – haben direkte Auswirkungen auf die gegenwärtige und zukünftige Arbeitskräftenachfrage. Dem Handwerk kommt bei der Umsetzung der klima- und wohnungsbaupolitischen Transformation eine ganz entscheidende Rolle zu. Der Irrweg vergangener Jahre, akademische Bildung gegenüber der betrieblichen Aus- und beruflichen Fortbildung zu bevorzugen, belastet den handwerklichen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Ich kann junge Menschen nur bestärken, ihren beruflichen Weg im Handwerk zu starten und die zahlreichen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu nutzen. Wer Zukunft gestalten will, der ist im Handwerk genau richtig. Diese Aussage muss aber auch wieder in die Köpfe der Eltern und Lehrkräfte. Insbesondere müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit die duale Ausbildung wieder den Stellenwert bekommt, den sie verdient.

inherne: Kann man denn in Ihrem Beruf gutes Geld verdienen?

Jörg Pieper: Die Chancen auf ein mehr als auskömmliches Gehalt sind im Metallhandwerk sehr gut. Nicht nur sind die tariflichen Löhne im Handwerk im oberen Drittel angesiedelt, zumeist zahlen die Unternehmen auch übertarifliche Bestandteile freiwillig hinzu. Auch sind – natürlich abhängig vom eigenen Engagement – die Aufstiegschancen gut. Führungskräfte und ausgewiesene Spezialisten sind begehrt und werden auch gut bezahlt. Dazu kommen die flache Hierarchieebene und die familiäre Atmosphäre dazu. Das sollte man nicht unterschätzen.

inherne: Wie zeitintensiv ist denn der Beruf?

Jörg Pieper: Eine etwas kuriose Frage, über die sich lange philosophieren lässt. Der Beruf des Metallbauers ist natürlich zeitintensiv. Kein Auftrag ist wie der nächste. Die Instandhaltung oder Herstellung von individuellen Projekten erfordert immer eine detaillierte Planung, Arbeitsvorbereitung, Materialbeschaffung, Fertigung und Montage. Der zeitliche Rahmen ist immer von der Komplexität des jeweiligen Projektes und möglicher Sonderanfertigungen abhängig. Zudem müssen wir häufig unter Zeitdruck arbeiten, um Fristen und Termine einzuhalten. Dies alles erfordert eine effiziente Organisation, Teamarbeit und natürlich auch (zeitliche) Flexibilität. Und als Unternehmer ist man in der Regel rund um die Uhr im Einsatz.

inherne: Warum engagieren Sie sich dann noch zusätzlich als Innungsmeister?

Jörg Pieper: Ich habe die Möglichkeit, die Interessen und Belange der Mitgliedsbetriebe zu vertreten und einen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Branche zu leisten. Als Obermeister habe ich einen engen Draht nicht nur zu meinen Innungskolleginnen und -kollegen, sondern auch gute Schnittstellen zu anderen Gewerken. Der persönliche Austausch stärkt die Vernetzung sowie den Zusammenhalt und ist für das Handwerk von großer Bedeutung. So können wir voneinander lernen, uns gegenseitig unterstützen und gemeinsam Ideen zur Lösung von Herausforderungen entwickeln. Den zunehmenden Kontakt in die Politik sollte man auch nicht unterschätzen. Auch dort kann man etwas bewegen.

inherne: Wir danken für das Gespräch.

Text: Philipp Stark     Fotos: Frank Dieper