Die Zeitschenker vom Ambulanten Hospizdienst begleiten schwerkranke Menschen
„Keiner kommt an Gott vorbei – außer Stan Libuda“, sagte man im Ruhrgebiet früher. Eine Sache, an der kein Mensch hingegen vorbeikommt – selbst Libuda nicht – ist der Tod. Nicht umsonst heißt es in einer Redensart: „So unausweichlich wie der Tod“. Die wenigsten Menschen wollen sich freiwillig mit diesem Thema auseinandersetzen. Hier im Gespräch: Marion Zachau und Hans-Jürgen Klugstedt, die sich als sogenannte Zeitschenker im Ambulanten Hospizdienst engagieren. In dieser Aufgabe begleiten sie ehrenamtlich Menschen bis in den Tod, verbringen Zeit mit ihnen, führen Gespräche – und manchmal sind sie einfach nur dabei und lassen Menschen vor ihrer letzten Reise durch einfachen Körperkontakt wissen: „Du bist nicht alleine“.
Freude über das Leben
Doch was bewegt sie dazu, sich in ihrer freien Zeit mit diesem für viele Menschen „unschönen“ und „traurigen“ Thema zu befassen? In dieser Ansicht liegt schon der erste Fehler, sagen beide – denn: Das Thema Tod braucht kein trauriges zu sein. „Viele wollen es gar nicht hören, wenn ich von meiner Tätigkeit im Ambulanten Hospizdienst berichte“, erzählt Klugstedt. „Dabei sollte es eigentlich Normalität werden, darüber zu reden. Es gehört zum Leben dazu – und wie die Freude über die Geburt sollte man sich am Ende auch über das Gelebte freuen können – mit Dankbarkeit statt Angst.“

Marion Zachau


Hans-Jürgen Klugstedt
Freudentränen über Ritual
Passt Humor, passt das Lachen überhaupt zu etwas so Schwermütigem wie dem Tod? „Unbedingt“, pflichtet er bei. Eine seiner schönsten Erinnerungen verbindet er mit einem an Demenz erkrankten Mann, der in jungen Jahren Boxer war. „Aus einem Scherz heraus kam es irgendwann zum Armdrücken zwischen uns. Es wurde unser Ritual, was ihm immer wieder Freude brachte. Für ihn war das viel mehr als ein Spiel – es war das Wiedererleben von Kraft, von Leben.“ Klugstedts letzte Worte gehen fast unter, er bricht ab und kramt nach einem Taschentuch. So ganz ohne Tränen geht es also vielleicht doch nicht – selbst wenn es dann doch eher Freudentränen über schöne Erinnerungen sind als Tränen der Trauer.
Eine letzte Beichte
Die Arbeit in der Sterbebegleitung ist manchmal auch gleichzeitig eine Art Seelsorge, davon berichtet Marion Zachau: „Ein Mann hat mir einmal gebeichtet, dass er als 21-Jähriger einen anderen Menschen erschießen musste. Ich war die erste Person, der er das jemals erzählt hatte. Kurz danach setzte dann der Sterbeprozess ein – das musste er noch rauslassen. Das war ganz bewegend.“ Sie betont, dass es Themen gibt, über die eine Person nicht mit der eigenen Familie oder den Freunden reden kann: Auch das gehört zu den Aufgaben der Zeitschenker. Und davon profitiert nicht nur die betroffene Person, auch die Zeitschenker selbst nehmen etwas für sich selbst daraus mit.
Persönliche Erfahrungen
Beide hatten vor ihrer Zeit im Ambulanten Hospizdienst persönliche Erfahrungen mit dem Tod, die sie dazu bewegt haben, sich in diesem Ehrenamt zu betätigen: Bei Marion Zachau war es die Oma, bei Hans-Jürgen Klugstedt Freunde und Nachbarn. Zachau: „Ich habe gesehen, wie einsam der Tod sein kann. Und die Sterbebegleitung hat mir auch geholfen, die Angst vor dem Sterben zu nehmen. Vor ein paar Jahren schwebte ich selbst zwei Tage lang in Lebensgefahr, doch die Erfahrungen haben mir gezeigt: Ich brauche keine Angst zu haben vor dem Tod.“ Sowohl Zachau als auch Klugstedt wünschen sich: mehr Gelassenheit im Umgang mit diesem Thema – und empfehlen, sich die Arbeit der Zeitschenker einfach mal persönlich anzuschauen, um sich ein eigenes Bild zu machen.
„Aus einem Scherz heraus kam es irgendwann zum Armdrücken zwischen uns. Es wurde unser Ritual, was ihm immer wieder Freude brachte. Für ihn war das viel mehr als ein Spiel – es war das Wiedererleben von Kraft, von Leben.“
Hans-Jürgen Klugstedt lebt seit 70 Jahren in Herne. Seit seinem Ruhestand 2017 arbeitet er im Ambulanten Hospizdienst. Ende 2016 hat er seine „100-Stunden-Ausbildung“ gemacht, nach der entschieden wird, ob die Arbeit im Ambulanten Hospizdienst die richtige ist für eine Person. Beruflich war er als Ingenieur in der Industrie tätig.
Marion Zachau kommt ursprünglich aus Bielefeld und lebt seit 2,5 Jahren in Herne. Die Ambulante Hospizarbeit hat sie 2002 in Bielefeld aufgenommen. Früher war sie in einer privaten Musikschule als Bürokraft tätig und sie genießt vor allem den Kontakt mit den Menschen. Der Ambulante Hospizdienst Herne hat seine Räumlichkeiten in der Düngelstraße 34. Aktuell arbeiten dort drei Hauptamtliche und rund 50 ehrenamtliche Zeitschenker. Bei Interesse freut sich der Ambulante Hospizdienst über einen Anruf unter 0 23 23 / 98 82 90 oder per E-Mail unter info@hospizdienst-herne.de. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage www.hospizdienst-herne.de.
