Zwischen Fest und Protest

29. März 2026 | Ausgabe 2026/2

Herne zeigt sich bunt beim siebten CSD

Samstag, 11. Juli 2026 – es ist Christopher Street Day in Herne. „Allies“, also Menschen wie ich, die sich mit ihren queeren Mitmenschen solidarisieren, ziehen gemeinsam mit queeren Personen bei über 30 Grad durch Herne. Es ist der siebte CSD für Herne, der erste für mich. Die Stimmung, die mir an diesem Tag unter den rund 1.000 Teilnehmenden begegnet, ist zwiespältig: Freude und Stolz auf die eigene Identität gehen Hand in Hand mit der vehementen Forderung nach politischer Sichtbarkeit – und ganz einfach mehr Menschlichkeit.

„Born this way“ von Lady Gaga schallt dank DJane Mary Sánchez aus den Lautsprechern, als wir mit dem Umzug an den Geschäften in der Herner Innenstadt vorbei und über den Westring ziehen. Bei einem kurzen Zwischenstopp auf dem Friedrich-Ebert-Platz spricht Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda: „Wir müssen Flagge zeigen. Denn es geht hier nicht mehr und nicht weniger um die Frage: Dürfen wir auch zukünftig in Freiheit leben? Der CSD steht für das richtige Ziel: Diskriminierung verhindern, Gleichstellung fordern und friedlich und freundlich, aber mit Leidenschaft zusammenleben.“

Ohne Ehrenamt kein CSD
Immer vor der Parade und dem dekorierten Umzugswagen von Entsorgung Herne dabei: Mitorganisator Christian Koßek. Förderanträge, Genehmigungen, Finanzen, Programmpunkte, Sicherheit: An all dem arbeitet er das ganze Jahr über ehrenamtlich mehrere Stunden die Woche mit nur zwei weiteren Personen, erzählt er. Jetzt bereits schon zum vierten Mal, aber zum ersten Mal mit dem neu gegründeten Verein „Queer in Herne“.

Herzensprojekt CSD
Von Eventmanagement hat Christian Koßek eigentlich keine Ahnung, hauptberuflich ist er bei der Familien- und Schulberatungsstelle der Stadt Herne tätig. Die Organisation ist eine Mammutaufgabe – und (s)ein Herzensprojekt: „Ich finde es super wichtig, der queeren Community eine Stimme zu geben und für Sichtbarkeit zu sorgen. Der CSD ist natürlich auch eine Feier und eine schöne Veranstaltung, aber in erster Linie ist er eine Demo für Menschenrechte. Wir möchten damit zeigen: Herne ist vielfältig und queere Menschen gehören einfach dazu.“

„Herne ist vielfältig und queere Menschen gehören einfach dazu.“

Bühnenprogramm auf dem Europaplatz
Zurück auf dem Europaplatz, umgeben von 26 Info- und Mitmachständen, nieseln kleine Wassertropfen auf meinen Arm – die Feuerwehr Herne hat aus einem ihrer Schläuche eine Sprinkleranlage gebaut, um uns abzukühlen. Im Hintergrund macht Dragqueen Sandra Bullcock die DJane. Bewaffnet Zwischen Fest und Protest Herne zeigt sich bunt beim siebten CSD mit einem Kirsch-Wassereis geht es für mich zur Bühne, um erst Stadträtin Stephanie Jordan und der nichtbinären Person Elay sowie Musikerin „taal“ zuzuhören.

Ergreifende Geschichten
An diesem Tag erwarten mich viele verschiedene ergreifende Wortbeiträge, die wie Elay oder Jonas von ihren ganz persönlichen Problemen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung erzählen und mehr Verständnis, mehr Respekt, mehr Miteinander einfordern. Als sich dann die geborene Wanne-Eicklerin und Dragqueen Miss Tique vor ihrem Tanzauftritt mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen bei uns Mitdemonstrierenden für unseren Einsatz bedankt, kullert auch mir eine Träne über die Wange. Leiser Einsatz am Rande Aber Aktivismus passiert heute nicht nur durch große Worte auf großen Bühnen: Die im August 79 Jahre alt werdende Friederike Mainzer macht am Rande des Geschehens am Infostand des Selbsthilfe- Netzwerks Herne, dem buez, auf ihre lange Reise der Selbstfindung aufmerksam, die in diesem Jahr in einer geschlechtsanpassenden Operation mündete. Ich bin ganz ergriffen von der Lebensfreude, dem Tatendrang und der Entschlossenheit, die mir auf diesem Platz an diesem heißen Samstagnachmittag begegneten.

Queere Angebote in Herne
Hier aktuelle Angebote für queere Menschen und „Allies“ in der Stadt:

  • das Queere Café
  • das CSD Café
  • der Queers & Friends Bouldertreff
  • das Queere Jugendforum
  • der Queere Arbeitskreis (für Fachkräfte)
  • Queere Bildung Herne (für Schulen)
  • die Selbsthilfegruppe Trans*
  • Needles to say – Queer Crafting
  • die Koordinierungsstelle Queer Herne

Informationen zu den einzelnen Angeboten finden sich auf den Websites oder Instagram-Accounts der jeweiligen Veranstalter*innen. Alle Angebote stehen Interessierten offen und laden herzlichst zur Teilnahme ein.

Text: Rebecca Corrent    Fotos: Thomas Schmidt