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Die Spionin an der Eickeler Grenze

Im Fokus / Glosse

Plakat zu dem Film Plakat zu dem Film "Mademoiselle Docteur". © Universal

1914 war noch kaum kein Schuss gefallen, da sorgten die Wanner sich schon über mögliche Spione. Wanne sei ein Eisenbahnknotenpunkt von „hoher strategischer Bedeutung“, schreibt die Wanner Zeitung am 3. August 1914, daher sei „zu befürchten, dass Frankreich Spione ausgeschickt hat, durch Sprengung von Brücken die Verbindung zu unterbrechen“. Also Achtung vor den Schlapphüten!

Mademoiselle Docteur

An der Grenze zu Eickel liegt im Übrigen mit dem Haus Dahlhausen das Gut der Familie Schragmüller. Ein weibliches Mitglied dieser Familie sollte sich zu einer der größten Spioninnen des Ersten Weltkriegs emporschwingen. Die Rede ist von Dr. Elisabeth Schragmüller, die von der „Asphaltpresse“ und den Skandalschreibern gerne mit „Fräulein Doktor“ apostrophiert wurde. In Frankreich war sie auch als „Mademoiselle Docteur“ bekannt.

Die Familie Schragmüller zog schon früh nach Dortmund-Mengede. Später, als das „Fräulein“ Schragmüller längst in Müchen lebte, stieg sie gerne im Kurhaus Wanne ab, um ihre Heimat und die alte Familiengrabstätte an der Stadtgrenze zu besuchen. Um ihre Vita ranken sich viele Legenden. Sie soll sich den Weg durch alle Fronten gebahnt haben; sie habe sich mit dem Fallschirm in Feindesland absetzen lassen, habe unfähige Spione mit ihren „Tigeraugen“ terrorisiert. Blond und schön und verführerisch sei sie gewesen. Und: Sie soll Mata Hari, die berüchtigte, instruiert haben. Vier Filme sind über sie gedreht worden, darunter jeweils einer mit den berühmten Regisseuren G.W. Pabst und De Laurentiis.

Dass Elisabeth, häufig Elsbeth genannt, Mata Hari ausbildete, soll übrigens stimmen – nach den Recherchen, die Hanne Hieber angestellt hat (www.neccessaire.com). Schragmüller, die als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit promovierte, wurde 1914 vom Virus der Kriegsbegeisterung infiziert. Sie reiste ins besetzte Brüssel, wo sie in der Garnison die beschlagnahmten Briefe belgischer Soldaten auswertete. Ihre Arbeit soll so gut gewesen sein, dass Nachrichtenchef Nicolai persönlich sie zur Leiterin der deutschen Spionageabteilung gegen Frankreich beförderte. Als Spionin selbst arbeitete sie nicht. Nach dem Krieg führte sie ein unauffälliges Leben. 1940 starb sie mit 51 Jahren in München. Die Spekulationen aber waberten weiterhin bis in die 60-er Jahre hinein. Aber dann wurde das „Fräulein“ so gut wie vergessen.

Autor: Horst Martens

 Siehe dazu auch:

Kriegserinnerungen eines Lehrers

Überleben mit 1.100 Kalorien

Literatur: Sachbücher zum Ersten Weltkrieg