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Überleben mit 1.100 Kalorien

Im Fokus

Von Steckrüben und Kartoffel-Propaganda – Die Versorgungslage in Herne während des ersten Weltkriegs.

An der sogenannten Heimatfront litt die Bevölkerung. Problematisch wurde im Verlauf des Krieges vor allem die Versorgungslage. Es mangelte an vielen Rohstoffen und Produkten, insbesondere aber an Grundnahrungsmitteln. So rief die kaiserliche Regierung auch in Herne dazu auf, dass die Hausfrauen sorgsamer mit Kartoffeln umgehen sollten. Über Plakate wurden diese Botschaften weitergegeben. Die deutsche Propaganda mündete auf einem der Plakate in der martialischen Botschaft: „Die deutsche Kartoffel muss England besiegen“.

Im Mai 1916 beschloss das Kriegsernährungsamt, dass nun Rationierungen eine gerechtere Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln schaffen sollten. Doch auch diese verbesserten die Situation nicht. Die Versorgung mit Milch, Butter, Eiern und Fleisch brach sogar zeitweise völlig zusammen. Besonders der extrem kalte Winter zwischen den Jahren 1916 und 1917, auch als „Steckrübenwinter“ bekannt, führte zu einer katastrophalen Lebenssituation vieler Menschen, vor allem im Ruhrgebiet und somit auch in Herne. Mit Hilfe von Lebensmittelkarten wurde versucht, die Rationierungen streng einzuhalten und zu kontrollieren. Letztlich konnten auch diese Karten nicht dafür sorgen, dass die Bevölkerung in Herne weniger Hunger litt. Die Kriegseuphorie, die teilweise zu Beginn des Krieges auch bei Hernern ausgebrochen war, wich schnell einer Verbitterung, was nicht nur mit den Ereignissen an der Front, sondern auch mit der schlechten Versorgungslage an der „Heimatfront“ zusammenhing. Die Situation verbesserte sich erst nach Kriegsende langsam wieder, wobei jedoch Brot und Mehl bis in die 1920er Jahre hinein nur gegen Bezugsscheine abgegeben wurden.

Text: Marvin Hartmann, Tobias Röhrig, David Hötten, Theo Lengemann, Florian Astroh, Tim Wormat (alle Projektgruppe Geschichte des Otto Hahn-Gymnasiums; Leitung Corinna Koch),

Redaktionelle Betreuung: Christoph Hüsken

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Marvin Hartmann und Tobias Röhrig vom Otto-Hahn-Gymnasium interviewen den Stadtarchivar Jürgen Hagen. © Horst Martens, Stadt Herne

Interview

Hernes Stadtarchivar Hans-Jürgen Hagen zu den  Auswirkungen, die der Erste Weltkrieg auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Stadt hatte.

Inwieweit litt die Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Stadt Herne unter den durch den Ersten Weltkrieg hervorgerufenen, bisweilen dramatischen Versorgungsengpässen?

Dass die Herner und auch die Bevölkerung der Ämter Wanne und Eickel, die sich 1926 zur Stadt Wanne-Eickel zusammenschlossen, unter der immer schlechter werdenden Nahrungsmittelversorgung leiden musste, ist unbestritten. Wenn man bedenkt, dass zu Beginn des Krieges wirtschaftliche Maßnahmen noch unter der Vorstellung getroffen wurden, der Krieg sei in wenigen Monaten beendet, lässt sich erahnen, wie sehr die Menschen in der tatsächlich vier Jahre lang dauernden Auseinandersetzung körperliche aber auch seelische Not leiden mussten. Schon bei Kriegsausbruch gab es, neben der zumindest nach außen hin vorgetragenen patriotischen Begeisterung, auch Hamsterkäufe mit einer über den normalen Bedarf hinausgehenden Bevorratung von zum Beispiel bei Reis, Hülsenfrüchten, Kaffee oder Konserven. Die Folge war eine erste enorme Teuerung dieser Güter.

 Inwieweit war das Deutsche Kaiserreich abhängig vom Import?

Das Deutsche Reich war ein dichtbesiedeltes, importabhängiges Land. Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte Großbritannien mit seiner Flotte gegen Deutschland eine Seeblockade errichtet. Das Deutsche Reich sollte auf diesem Wege vom Welthandel und somit von lebenswichtigen Importen isoliert werden. Durch diese Form des Wirtschaftskrieges war das Aushungern der Zivilbevölkerung ein Kriegsziel. Einen Notvorrat importierten Getreides hatte das Deutsche Reich nicht angelegt, was unweigerlich zu einer katastrophalen Situation führen musste. Verschärft wurde die Situation dadurch, dass die Eigenproduktion sank, da auch Kunstdünger hauptsächlich importiert werden musste. Nur durch die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion konnte zunächst einer Hungerkatastrophe entgegengewirkt werden.

Nach wenigen Monaten aber zeigte die Blockade ihre erste Wirkung. Rohstoffe wie Metalle, Erdöl, Gummi, Leder und Baumwolle wie auch Nahrungsmittel wurden immer knapper. Gleichzeitig benötigte aber die Kriegsfront immer mehr Nachschub an Waffen, Munition und Nahrungsmitteln. Wegen Rohstoffmangels musste man Ersatzstoffe produzieren wie zum Beispiel synthetisches Gummi. Die ganze Bevölkerung war gehalten Rohstoffe einzusammeln, Kirchenglocken wurden für Kriegszwecke eingeschmolzen.

Warum ging es den Menschen im Ruhrgebiet, verglichen mit anderen Regionen in Deutschland, besonders schlecht?

Die allgemeine Versorgungslage der Bevölkerung verschlechterte sich im Laufe des Krieges zusehends. Wobei gerade das industriell geprägte und dicht besiedelte Ruhrgebiet besonders hart getroffen wurde und dies nicht nur allein aus dem Grunde, weil die landwirtschaftlich ausgeprägten Gebiete sich noch eher selbst versorgen konnten. So sorgten neben der anhaltenden Wirtschaftsblockade Missstände bei der Versorgung zwischen Überschuss- und Bedarfsgebieten sowie Rationierungen und Preissteigerungen dafür, dass gerade die Ruhrgebietsbevölkerung also auch Herner, Wanner und Eickeler mit der tragisch zu nennenden Situation an der sogenannten Heimatfront zu kämpfen hatten.

  • Eine Feldpostschreibstube in Herne während des Ersten Weltkriegs. © Stadtarchiv Herne
    Eine Feldpostschreibstube in Herne während des Ersten Weltkriegs. © Stadtarchiv Herne

Weil die Männer an der Kriegsfront waren, mussten verstärkt, Frauen und Jugendliche in den Zechen und Fabriken arbeiten. Ein Bild aus jenen Tagen zeigt Frauen als Arbeiterinnen auf der Zeche Friedrich der Große in Horsthausen. Neben den bereits vorhandenen alltäglichen Erschwernissen wie stundenlanges Schlange stehen vor Geschäften und Kriegsküchen war das natürlich eine weitere prekäre Situation für die Zivilbevölkerung. Später wurden übrigens auch Kriegsgefangene im Bergbau und Fabriken eingesetzt. Das Produktionsniveau aus der Vorkriegszeit konnte jedoch zu keinem Zeitpunkt erreicht werden.

 Waren die Maßnahmen der Regierung richtig, oder hätte es effektivere und noch effizientere Maßnahmen als Höchstpreise und Rationierungen gegeben?

Um die Maßnahmen der deutschen Wirtschaftspolitik im Krieg zu verstehen, muss man sich nochmals die Fehleinschätzung vor Augen halten, dass der Sieg der deutschen Armee innerhalb weniger Monate sicher sei. Aus diesem Grunde versuchte man die Quadratur des Kreises, indem man das Herstellen von ausreichend Kriegsmaterial, die ausgewogene Aufteilung von Arbeitskräften und Soldaten zwischen Wirtschaft und Armee, das Erhalten des sozialen Friedens und eine sichere Nahrungsmittelversorgung als Ziele ausgab.

Bei den Kriegsvorbereitungen selbst hatte man aber nicht eine ausreichende Finanzierung des Krieges und der Versorgung der Bevölkerung im Blick. Aufkommende Unruhen durch erste Preissteigerungen Ende 1914 führten zu ersten Höchstpreisfestlegungen durch lokale Behörden. Rationierungsmaßnahmen folgten. Dadurch blühte ein Schwarzmarkthandel auf.

Der Schwarzmarkt wiederum zog weitere Teuerungen nach sich, brachte auf der einen Seite den Landwirten gute Einnahmen, führte aber auf der anderen Seite zu immer ungerechteren Nahrungsmittelverteilungen.

Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die Strategie, durch Höchstpreise und Rationierungen für eine gerechte Nahrungsverwaltung zu sorgen, scheiterte. Eine unflexible Bürokratie und unterschiedlichen Interessenslagen verschiedener Behörden taten ihr Übriges.

Hieraus Lehren ziehend wurde im Mai 1916 mit Gründung des Kriegsernährungsamtes als zentrale Ernährungsstelle versucht, eine bessere Nahrungsmittelversorgung zu erreichen. Die Probleme konnten aber auch damit nicht gelöst werden, wenngleich eine leichte Verbesserung bei den Industriearbeitern festzustellen war.

Das Grundproblem der Knappheit an Nahrungsmitteln und sonstigen Gütern des täglichen Bedarfs durch die Wirtschaftsblockade blieb aber.

 Warum erlangte die Kartoffel eine solch entscheidende Bedeutung im Überlebenskampf der Menschen?

„Baut mehr Kartoffeln! Die deutsche Kartoffel muss England besiegen“. Dieses Propagandaplakat des Kriegsernährungsamtes, welches heute eher skurril anmutet, hat einen ernsten und entlarvenden Charakter. Je länger der Krieg dauerte, nahm – eben bedingt durch die britische Seeblockade – die Nahrungsmittelsituation immer bedrohlichere Formen an. Als Folge der Lebensmittelknappheit wurden auch in Herne und den Ämtern Wanne und Eickel in den kommunalen Grünanlagen und Kleingärten, den sogenannten Schrebergärten, Flächen für den Anbau von Getreide und Kartoffeln zur Verfügung gestellt. Die Kartoffel, die noch 1914 zu zwei Drittel der Ernte als Viehfutter eingesetzt wurde, wurde nach dem Brot nun das wichtigste Grundnahrungsmittel. Ab 1916 setzte man dann alle Hoffnung auf die Kartoffel, denn seit dem Frühsommer 1916 waren fast alle anderen wichtigen Nahrungsmittel zwangsbewirtschaftet.

 Warum hat der Steckrübenwinter der deutschen Bevölkerung derart zugesetzt und welche Rolle hat dabei die Kohlrübe übernommen?

Das Kriegsernährungsamt versuchte die Kartoffelversorgung zu verbessern. So sollten durch vorausschauende Planungen die vorhandenen Vorräte bis zur nächsten Herbsternte ausreichen.

Der Herbst 1916 aber gab den nächsten Tiefschlag. Eine schlechte Kartoffelernte bedingt durch zu hohe Niederschläge warf alle Versorgungspläne um. Als Ersatz auf die bereits verteilten Kartoffelkarten wurden Brot und vor allem Steckrüben ausgegeben, aus denen man fast alles machen konnte: Suppen, Aufläufe, Pudding, Marmelade. Sogar als gebratener Fleischersatz fand die Steckrübe Verwendung. Die Propaganda des Kriegsernährungsamtes versuchte mit den Hinweisen, dass die Steckrübe leckerer als die Kartoffel, nahrhafter und besser zu lagern sei, dieses Gemüse der Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen. Der sogenannte Steckrübenwinter 1916/1917 war lang und kalt, Heizmaterial war knapp. Die Versorgung der Bevölkerung brach immer mehr zusammen. Die noch vorhandenen Nahrungsmittel verloren durch Streckung immer mehr an Nährwert.

Auf dem Höhepunkt der Hungerkrise im März 1917 wurde in Herne der zugestandene Nährmittelbedarf auf 1.100 Kalorien begrenzt. Viel zu wenig um zu Überleben. Zum Vergleich: Noch 1916 wurde der Tagesbedarf eines Normalverbrauchers auf 2.800 Kalorien für Schwer- und Schwerstarbeiter auf 4.500 Kalorien festgesetzt.

Natürlich blieb das für die Bevölkerung nicht ohne Folgen. Zunächst traf es die Alten und die Kinder, deren Immunsystem immer schwächer wurde. Später kamen die im Erwerbsleben stehenden Erwachsenen hinzu, was wiederum negative Folgen auf die industrielle und landwirtschaftliche Produktion hatte. Ein Teufelskreis! Die Todesrate stieg dramatisch. Zwischen 1914 und 1918 starben etwa 800.000 Erwachsene und Kinder durch Hunger oder an den Folgen der Unterernährung.

 Interview: Marvin Hartmann, Tobias Röhrig (beide Projektgruppe Geschichte des Otto-Hahn-Gymnasiums; Leitung Corinna Koch)

Redaktion: Christoph Hüsken

Siehe dazu auch:

Kriegserinnerungen eines Lehrers

Literatur: Sachbücher zum Ersten Weltkrieg

Die Spionin an der Eickeler Grenze